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Improvisation

Improvisation. Was ist das eigentlich? Wer tut es? Kann man das lernen? Warum tun sich viele Menschen mit dem spontanen Musikerfinden so schwer? Ist es nicht im Grunde einfach ein Spielen? Erkunden? Ausloten der Möglichkeiten?
Vorletzte Woche hatten sich sechs Damen zu meinem Miniworkshop „Improvisation mit der Stimme“ angemeldet. Und wir hatten vor allem jede Menge Spaß. Über verschiedene Spiele und Improvisationskonzepte konnten wir uns herantasten an die Dinge, die mir beim Improvisieren so wichtig sind. Und nicht nur dort. Denn Improvisation ist für mich nicht einfach eine von unzähligen Möglichkeiten gemeinsam Musik zu machen, sondern eine musikalische Grundhaltung, deren unterschiedliche Facetten sich in jeder Art von Musik zeigen können und dafür sorgen, dass Musik lebendig ist und bleibt.

 

Improvisation heißt: Sich trauen

Improvisation hat in aller erster Linie etwas mit „sich trauen“ zu tun. Es bedeutet, sich für etwas zu entscheiden, es zu tun und dazu zu stehen. Sei es ein Ton, ein Geräusch oder sonstiger körperlicher oder stimmlicher Ausdruck. Das geht am leichtesten in einem Experimentierfeld, in dem es zunächst keine Regeln gibt, was falsch oder richtig zu sein hat. Gleichzeitig hilft es, wenn dieses Feld einen klaren und überschaubaren Rahmen hat. Spielregeln für ein solches Experiment grenzen die Auswahl dessen, was ich tun kann, ein wenig ein und erlauben so eine leichtere Orientierung.

Meine liebste Einstiegsübung in die Improvisation heißt „Linie im Raum“. Der Raum wird durch eine imaginäre Linie in zwei Hälften aufgeteilt. In der einen Raumhälfte „leben“ z.B. Konsonanten, in der anderen Vokale. Dann fällt es leicht, durch den Raum zu wandeln und – zunächst für sich selbst – mit Konsonanten oder Vokalen zu experimentieren. Schnell wird die gezogene Grenze Anregung zum Wechsel zwischen den zwei Welten und schon sind wir mitten drin im Improvisieren. Als weitere Möglichkeiten können die Kontraste zwischen Klängen und Geräuschen, Worten und Melodien, flächigen Sounds und Rhythmen probiert werden. Die Aufforderung, mit den anderen Personen der Gruppe jenseits und diesseits der Grenzlinie in Kontakt zu treten, entfacht die Spiel- und Klanglust.

 

Gemeinsam improvisieren heißt: Miteinander spielen

In jedem Fall hat das Improvisieren für mich mit Spielen zu tun. Wenn ich alleine improvisiere, spiele ich mit mir selbst, in einer Gruppe ist für mich die Interaktion das wichtigste Element. Es geht darum, wirklich in Kontakt zu treten, meinen Mitmusikern zuzuhören, aufzunehmen, was sich mir zeigt, und darauf zu reagieren. Was ziemlich banal klingt, ist alles andere als einfach. Viel wahrscheinlicher ist es, das jeder drauflos spielt, singt oder tönt und ein heiloses Durcheinander entsteht. Das ist nicht die Art von Improvisation, die ich meine. Vielmehr geht es um sehr einfache, aber elementare Facetten von Kommunikation im ganz allgemeinen Sinne. Durch das miteinander Improvisieren kann ich lernen oder mir bewusst werden wie wichtig es ist, den anderen Raum zu lassen und mir gleichermaßen auch selbst Raum zu nehmen. Vordergrund und Hintergrund, Solist und Begleitung, Verdichtung und Ausdünnung, Dynamik, Spannung, Entspannung – die Improvisationserfahrung ermöglicht tiefe Einblicke in die Grundregeln des Miteinander-Musizierens.

Der Unterschied ist, dass ich beim Improvisieren elementar darauf angewiesen bin. Ohne das Miteinander kann Improvisation in einer Gruppe nicht gelingen. Gemeinsames Musizieren ohne den vorgegebenen Rahmen eines Notenblattes oder eines konkreten Arrangements lebt davon, sich – wie auch immer geartet – aufeinander zu beziehen.

Als kleine Übung, die auch eine unerfahrene Gruppe schnell an den Kern dieser Sache heranführt, kann eine Art Assoziationskette dienen. Im Kreis stehend, beginnt einer mit einem beliebigen Wort, der nächste reihum nennt das erste Wort, das im dazu einfällt usw. Nach ein paar Runden kann man auch Phantasieworte oder Klänge zulassen. Später kann man Melodie- oder Rhythmusschnipsel assoziieren und dann kreuz und quer im Kreis und auch gleichzeitig einwerfen. So wird mehrdimensionales Musizieren möglich, dessen Grundhaltung und Wachheit auch dem ein oder anderen Nichtimprovisierer sicher gut tut.

 

Improvisation heißt: Dem Chaos vertrauen

Beim Improvisieren in der Gruppe gibt es immer wieder Momente, in denen nichts „zu klappen“ scheint. Grooves greifen nicht ineinander, Sänger hören einander nicht zu, flächige Klänge sind unausgewogen, unterschiedliche Wünsche und Ideen prallen aufeinander. Genau diese Momente ermöglichen intensives Lernen. Es geht darum Unsicherheit aushalten zu lernen und sich in undurchsichtigen Situationen besser zu orientieren. Ich habe es nicht in der Hand. Die Dinge entwickeln sich nicht so, wie ich es mir vorstelle. Ich werde innerlich unsicher, zweifle, möchte aufgeben. Doch das Chaos birgt die Chance, dass wirklich Neues entsteht. Ordnung ergibt sich von allein, wenn ich es schaffe das Chaos auszuhalten, und bringt das Gefühl mit, wieder im sicheren Hafen zu sein. Das Spüren dieses Kontrastes ist für jede Art des Musizierens und für kreative Prozesse ganz allgemein von großem Wert. So lernen wir spielerisch das Prinzip der Selbstorganisation kennen und können diesem immer mehr vertrauen – nach und nach sogar Gefallen, vielleicht sogar Lust daran finden.

Im Schutz der Gruppe kann ich mich immer wieder einfädeln in das klangliche Gebilde. Ich kann – und muss – anknüpfen an das, was schon da ist. Und selbst wenn ich alleine improvisiere, knüpfe ich an das an, was sich mir bietet. Ein hängengebliebener Ohrwurm, meine eigenen inneren Rhythmen, die Umgebung, der Raum. Auch wenn ich nicht ausdrücklich improvisiere, sondern ein vorgeschriebenes Musikkstück interpretiere, kann ich mich daran erinnern und die Musik in jedem Moment wieder neu erfinden.

 

Improvisieren heißt: Musik immer wieder neu erlernen

Improvisation bringt uns zurück zu den musikalischen Basics. Wenn wir auskomponierte Musik spielen oder singen, nehmen wir oft Dinge als selbstverständlich an, die eigentlich das wichtigste Moment der Musik sind. Im Improvisieren beginnen wir immer wieder am Nullpunkt und erleben, wenn wir wach und neugierig bleiben, die einfachsten Bausteine der Musik als neu und vielleicht sogar als spektakulär. Durch die ständige Ungewissheit, was passieren wird, erleben wir Zusammenklänge, Reibung, Spannung und Dynamik sehr intensiv und unmittelbar. Eine aus dem Augenblick heraus entstandene Generalpause lässt den Atem stocken, Klang, Rhythmus und Puls sind die Motoren des musikalischen Geschehens, die wir selber am Laufen halten. Wir können – ganz egal wieviel musikalische oder stimmliche Vorerfahrung wir haben – aktiv mitgestalten und wirklich kreativ sein. Das ist für Anfänger und Laien gleichermaßen interessant wie für erfahrene Profis, die zu den Wurzeln ihrer Kreativität zurückfinden möchten.

Wir lernen Details in Sprache, Rhythmik und Phrasierung wahrzunehmen, weil die innere Aufmerksamkeit beim Improvisieren ganz anderer Art ist als beim Singen nach einem vorgegebenen Arrangement. Ich persönlich genieße es in diesem Zusammenhang besonders, die Einfachheit wieder wertzuschätzen. Aus dem Einfachen erwächst Komplexität, die wirklich als solche empfunden und durchdrungen werden kann. Jeder Part ist wichtig, jeder Teilnehmer kann sich entsprechend seiner Möglichkeiten einbringen.

 

Interpretation ist auch Improvisation

Die innere Haltung, die für das Improvisieren nötig ist und die eben darüber wunderbar gelernt und verfeinert werden kann, ist für jede Art von Musik von unschätzbarem Wert. Eine innere Offenheit für das, was geschehen will, was in diesem Moment, in diesem Raum, in dieser Situation angemessen ist, öffnet die Tür zu wahrhaft lebendiger Interpretation. Über die Improvisation lerne ich frei zu sein, meine Handlungsoptionen zu erweitern und andere als die gängigen Möglichkeiten zu sehen. Ich lerne, wie es ist, wenn ich Grenzen überschreite und ein Risiko eingehe. Ich kann erleben, dass es Dinge gibt, die weder richtig noch falsch sind. Ich kann mein Anspruchsdenken zurücklassen und anfangen, mehr in netzartigen Zusammenhängen von Ursache und Konsequenz und weniger in Bewertungen, Verboten und Regeln zu denken. Ich lerne, meinem ganz eigenen, intuiven musikalischen Gefühl zu vertrauen und kann so zu einem wirklich authentischen Selbstausdruck finden, der nicht nur mich selber froh macht, sondern auch die Zuhörer bewegt. So kann Improvisation einerseits durch seinen Wert als künstlerische Handlung, andererseits als Spiel- und Übungsfeld für die eigene Kreativität ganz allgemein begriffen werden.

Selbst in einem sehr festgelegten Rahmen, lässt sich mit ein bisschen Übung der Spielraum für Eigenes, Spontanes und Unerwartetes aufspüren. Wenn ich diesen Spielraum immer wieder neu nutzen kann, kann ich auch Altbekanntes (z.B. bei 50 Vorstellungen mit dem gleichen Programm) immer wieder neu erleben und mit bleibender Freude lebendig singen und musizieren.

 

Viel Experimentierlust und Spielfreude, erlebte Leichtigkeit und zufälligen Tiefgang wünscht

Anna Stijohann

 

P.S. Der nächste Miniworkshop „Improvisation“ im STIMMSINN findet am 17.03.2018 statt.

 

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