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Kontrollverlust - Ja Bitte!

Singen ist wie innerlich fliegen. Das sagte neulich eine meiner ältesten Schülerinnen. „Weil ich da so gar nichts mehr tun muss. Die Dinge ergeben sich von alleine.“ Was für ein beglückendes Gefühl. Am darauffolgenden Tag konnte ich in einer Chorzeitung die Kolumne einer Kollegin lesen, die beschrieb, wie wichtig und gleichermaßen schwierig und langwierig zu erlernen die sogenannte „Atemkontrolle“ sei. Harte Arbeit führe letztlich zum Erfolg. Dem möchte ich aus meiner tiefsten Überzeugung widersprechen und ein völlig unkontrolliertes Plädoyer halten für die Stimmfreiheit und den puren Singgenuss.

 

Singen ist wie Fahrradfahren

Singenlernen ist nicht linear. Stimmentwicklung braucht durchaus Disziplin und Durchhaltevermögen, aber die wirklich wichtigen Entwicklungsschritte geschehen meist unerwartet. Das erlebe ich bei mir selbst und auch bei meinen Schülern. Es ist wie beim Fahrradfahren. Kein Kind lernt Fahrradfahren durch kontinuierliche harte Arbeit. Das Kind probiert, lotet aus, riskiert, fällt, balanciert und irgendwann fährt es los. Natürlich ist man am Anfang noch nicht so flexibel. Die Fahrt ist noch störanfällig, aber je mehr ich fahre, desto sicherer werde ich. Bleibe ich mit beiden Beinen auf der Erde, werde ich nie die Lust und die Freude am Schwung erfahren. Ein ängstliches Kind braucht einen gut zuredenden Begleiter, ein forsches Kind vielleicht eine mahnende Stimme. Letztendlich lernt das Kind aber durch sein eigenes Tun und Erleben.

 

Eine andere Definition von Können

Das Ergebnis von Lernen ist Können! So sagte einst meine Lateinlehrerin Frau Dr. Brunnert. Ja und Nein. Ich möchte Singen „können“. Dem stimme ich zu. Wer würde denn bestreiten, dass es Menschen gibt, die besser oder sicherer Radfahren als andere? Manche können sogar freihändig fahren oder Kunststücke vollführen. Und Singen muss – zumindest im professionellen Bereich und zum Wohle aller Chorleiter auch in einem Wald- und Wiesenchor – auch abrufbar sein. Wie kann das zusammen gehen mit einer spielerischen Herangehensweise statt harter Arbeit? Mit Lernen in einem Umfeld ohne Kontrolle und Druck? Ohne Bewertung und Beurteilung?

Wer einmal Fahrradfahren kann, wird es nicht wieder verlernen. Wenn ich lange Zeit nicht fahre, bauen sich Muskeln ab. Keine Frage. Aber die Art der innerlichen Speicherung ist beim Singen und Fahrradfahren im Idealfall die Gleiche. Wir überlassen dem Körper und dem blitzschnellen Zusammenspiel unserer Reflexe die „Kontrolle“. Aber es ist eine andere Art der Kontrolle; vielleicht ist es treffender sie als Balance zu bezeichnen. Eine Balance, die wir immer besser kennenlernen und uns ihrer nach und nach so sicher werden, dass wir sie bis an die Grenzen ausreizen können. So kommen wir in den Genuss von Schwung und nehmen gekonnt Fahrt auf.

 

Warum tut das nicht einfach jeder?

Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit sehr häufig. Aber der Preis für die Freiheit, die ich neu hinzugewinnen kann, ist die Sicherheit. Meine ältere Schülerin würde antworten, sie hätte jetzt in ihrem Alter doch nichts mehr zu verlieren. Und die Freude, die ihr das Singen macht, wenn es leicht und wie von selbst geht, sei das Risiko auf jeden Fall wert.

Aber viele andere Menschen diesseits und jenseits der 60 haben Angst vor diesem Kontrollverlust. Die Stimme tut plötzlich Dinge, die mir nicht vertraut sind. Meine sonst so sichere Intonation wackelt, weil sich die Stimme neu sortieren möchte. Eine einfühlsame Begleitperson ist dann wichtig, damit sich ein gesundes Vertrauen in die Selbstorganisationskräfte entwickeln kann. Je öfter der Schüler durch einen Destabilisierungsprozess geht, desto weniger ängstlich blickt er dem entgegen. Ich selber freue mich sogar schon auf diese Situationen. Wenn das Alte ein paar Risse bekommt und ich noch nicht weiß, was und wie es sich neu zeigen will, dann bin ich vorfreudig auf ein Abenteuer, das am Ende zu einer neuen Stimm- und Singqualität führt.

 

Meistens wackelt nicht nur die Stimme

Unsere eigene Stimme hat immer auch mit unserm Selbstbild zu tun. Bringen wir die Stimme ins Wanken und verschaffen ihr mehr Freiheit zu Klingen, bringen wir uns immer auch persönlich in Gefahr. Dann fließen auch schonmal Tränen der Rührung, des Trotzes oder einfach aus Überraschung vor der eigenen Courage. Innere Offenheit und Verletzlichkeit gehen einher mit einem ganz anderen Stimmerleben. Und auch ich als Lehrerin habe meine wackligen Momente. Wenn jemand im Unterricht weint, der gute 30 Jahre älter ist als ich, werde auch ich innerlich weich. Oder ich freue mich wie verrückt, wenn die „Kiste“ sich endlich öffnet. Ein freier Klang macht nicht nur den Sänger, sondern auch mich glücklich. Ich bin manchmal regelrecht begeistert, wenn Menschen sich trauen, ihre aktive Kontrolle aufzugeben.

 

Wie kann ich es lernen, die aktive Kontrolle beim Singen loszulassen?

Verschiedene Lern- und Stimmkonzepte beschäftigen sich mit diesem Thema. Ich empfehle das - eigentlich von einem Tennistrainer entwickelte – Konzept des „Inner Game“. In dem Buch „Inner Game of Music“ gibt es viele konkrete Tipps und Übungen, um die aktive Kontrolle gegen alternative Lernstrategien auszutauschen und somit nachhaltiger und gleichsam lustvoller und spielerischer zu lernen. Eine der Voraussetzungen damit das möglich ist, ist die „entspannte Konzentration“. Diese stellt sich immer dann ein, wenn wir neugierig erleben statt zu manipulieren. Wir können uns auf unsere Wahrnehmungen konzentrieren. Das Wie erleben, statt das Was beeinflussen zu wollen. Hören, Sehen, Fühlen.

Wenn uns etwas interessiert, wird automatisch unsere Wachsamkeit im Augenblick erhöht und wir lernen schnell und konzentriert. Dieser Zustand stellt sich ganz von selber ein. Die Autoren GREEN und GALLWEY schlagen viele verschiedene Techniken vor um die eigenen inneren Kontrollzwänge zu überwinden und stattdessen selbstregulative Ressourcen anzuzapfen. Sie heißen „Rollenspiele“, „Den Körper ausführen lassen“, „Etwas Vertrautes tun“, „die Umgebung miteinbeziehen“ oder „Etwas Lächerliches Tun“. Wenn ein Schüler bei den verrücktesten Übungen plötzlich sagt: „Ich kann doch nicht alles auf einmal. Auf einem Bein stehen, meinen Brustkorb bewegen und spüren, ob die Worte eher von meiner Ober- oder Unterlippe geformt werden...“ berufe ich mich auf mein persönliches Lieblingsprinzip „Kontrollverlust durch Überforderung“. Meist mündet dieses Gespräch in ausgelassenes Gelächter und das letzte bisschen Festhalten kann sich auflösen.

 

Atembalance statt Atemkontrolle

Zuletzt möchte ich kurz auf das ganz oben angesprochene Phänomen Atemkontrolle eingehen. Diejenigen Stimmen, die wirklich frei klingen, bedienen sich – meiner Erfahrung nach – keiner aktiven Atemkontrolle. Freie Stimmen nutzen die Dynamik ihres eigenen Atemrhythmus und wissen dessen Schwung exzellent zu nutzen. Sobald wir in Kontakt kommen mit unserem ganz eigenen individuellen Atemrhythmus entsteht eine Leichtigkeit, die nur durch eine kunstvolle Balance, nicht aber über aktive Muskelmanipulation und Kontrolle geschehen kann. Unser Körper weiß sich auf subtilste Art und Weise auszudrücken, wenn wir ihn lassen. Das Lernen erscheint im Zuge dessen fast wie ein Wiedererkennen. Der Körper beginnt nach dem leichtesten Weg zu suchen, sobald er einmal einen klaren Impuls in diese Richtung erfahren hat. Es ist ein innerliches Suchen, bei dem der Lernende meist genau weiß, wann er gefunden hat, was er suchte. Nicht der Lehrer bestimmt das, was zu Lernen und damit anschließend zu Können sei. Der Schüler erlebt und gestaltet den Lernprozess und die Entstehung des Neuen aktiv durch seine wache Aufmerksamkeit. Und wird am Ende fündig: Ich kann fliegen!

 

Eine Woche mit mehr fliegen und weniger harter Arbeit wünscht,

Anna Stijohann

 

 

 

 

 

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