Singen und Saugen

Sänger sind Säugetiere. Ein seltsamer Gedanke? Vielleicht. Aber meine Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, sich mit diesem Gedanken und den praktischen Auswirkungen auf das Singen genauer zu beschäftigen. Seit gut fünf Wochen ist ein neuer kleiner Sänger Teil meiner Familie und er saugt kräftig und gibt beherzt, lautstark, mühelos und äußerst tragfähige Töne von sich. Somit hat das Leben mal wieder entschieden, über welches Thema ich heute schreiben werde.

Säugling in the house

Wenn Babys saugen, tun sie das aus verschiedenen Gründen. Natürlich steht die Nahrungsaufnahme an erster Stelle, aber nicht nur. Egal ob an der Brust, an einer Milchflasche, an einem Schnuller oder an den eigenen Fingern, Saugen beruhigt. Saugen lässt das Nervensystem entspannen und sortiert den Atem. Je kleiner der Säugling, desto direkter ist der Zusammenhang zwischen An- bzw. Entspannung und Atemrhythmus zu erleben. Ist ein Kind entspannt, atmet es ruhig. Wird es müde oder hat sonst irgendein Bedürfnis, kann man schon an seinem Atem hören, ob es gleich zu quengeln beginnt.

An der Brust allerdings beginnt das gerade noch so aufgeregte Baby schon nach einer kurzen Weile tief und genussvoll zu schnaufen. Der Atem wird ruhig , gleichmäßig und rhythmisch. Der ganze Körper des Kindes ist involviert. Es findet übers Saugen hin zu seinem ganz individuellen Atemrhythmus. Diese Regulierung des Atems geschieht auch beim Schnullern. Wie man sich denken kann, bin ich aus diesem Grund eine große Schnullerbefürworterin ;-).

Saugen ist für das Kind lebensnotwendig in vielerlei Hinsicht.

Saugen für Erwachsene

Was aber hat das nun mit uns Erwachsenen und vor allem mit dem Singen zu tun? Wir können ein kleines Experiment machen. Wir nehmen unsern eigenen (sauberen) Zeigefinger – leider gibt es Schnuller in dieser Größe nicht – und saugen daran. Die Zunge legt sich weich um den Finger, die Lippen stülpen sich nach vorne und wir beginnen genüsslich ein bisschen zu saugen. Wie fühlt sich das an? Was geschieht mit dem Atem? Wie verändert sich mein Kontakt mit mir selbst? Wohin geht die Aufmerksamkeit? Wie fühlt sich mein Hals an? Wo spüre ich Entspannung, wo Kraft oder Anspannung? Kann ich beim Saugen ein- und ausatmen oder nur eins von beidem?

Dieses Experiment habe ich dem Buch „Die eigene Stimme finden – Stimmbildung durch organisches Lernen“ von PETER JACOBY entnommen. Er beschreibt seine Erfahrungen und weist klug darauf hin: „[dass] (…) es manche Menschen [gibt], die ihr Aha-Erlebnis bei der Frage haben, ob man gleichzeitig saugen und ausatmen kann, oder ob Saugen nur beim Einatmen möglich ist.“ (S. 135)

Saugen gleich Einatmen?

Diese Frage hatte ich mir ehrlich gesagt noch nie gestellt und so war der Augenblick, als mir klar wurde, dass man sowohl einatmend als auch ausatmend saugen kann, sehr erhellend. Der Begriff „Inhalare la voce“ wurde für mich endlich begreifbar. Die Vorstellung beim Singen weiter mit der Muskulatur in Einatmentendenz zu bleiben war und ist mir keine Hilfe, sondern hindert mich am freien und ganzkörperlichen Singen. Wie ich schon in meinem Artikel Anlehnen an den Atem geschrieben habe, ist die eine oder andere Atemunterstützung nicht für jeden hilfreich. Ich ersetze nun innerlich die „Einatemtendenz“ durch „Saugtendenz“ und kann enorm profitieren.

Brustkorbaktivität

Nach diesen Zwischenüberlegungen können wir nun mit unserm Saugexperiment fortfahren und beobachten, wie sich der Brustkorb beim Saugen am Finger beim Ein- bzw. Ausatmen verhält.

Welche Richtung ist mir angenehm? Wo fällt mir die Koordination schwer, wo fühle ich, dass meine Kraft sich bündelt? Wo entsteht Raum, wo fehlt mir der Zugriff? Nehmen wir an, wir saugen nicht an unserm eigenen Zeigefinger, sondern an dem Sauger einer herrlichen Milchflasche. Plötzlich ist diese verstopft und ich muss mehr Saugkraft einsetzen. Wie mache ich das intuitiv? Atme ich beim Saugen kräftig aus oder habe ich mehr Sog, wenn ich gleichzeitig einatme? Welche Brustkorbmuskulatur schaltet sich hinzu? Die dehnenden Zwischenrippenmuskeln oder die verengenden Rückenstreckermuskeln?

Wie ich auf ganz persönliche Weise an Saugkraft komme, sollte ich gut erspüren, denn diese Muskulatur wird mich auch beim Singen ideal unter“stützen“.

Schmutzige Finger

Mit Schülern und in Chören behelfe ich mir bei dieser Übung mit sehr dicken Strohhalmen (Bubbletea-Modell, Durchmesser 12 mm), denn nicht jeder fühlt sich damit wohl, direkt aus der Straßenbahn steigend, auf seinem eigenen Finger zu lutschen. Den Strohhalm (oder auch Silikonschlauch) lege ich locker auf die Zunge und stülpe meine Lippen vor wie beim Buchstaben [u] (vgl. Lax Vox®). Mit einer Hand halte ich das untere Ende zu und kann so durch kräftiges Saugen einen Unterdruck erzeugen. Achtung! Den Strohhalm/Schlauch nicht plattdrücken.

Nun kann ich meine Stimme hinzunehmen und einzelne Töne ansummen. Dabei stelle ich mir vor, ich würde die Töne aus dem Strohhalm heraussaugen. Anstatt langsam und/oder durch die Nase einzuatmen, lasse ich den Strohhalm schwungvoll mit einem kräftigen Schmatzen (wie beim Küssen) aus dem Mund gleiten. Der Atem strömt von selbst ein. Leichter kann man plötzliches Abspannen kaum lernen.

So entsteht beim „Singen“ eine kräftige (Saug-)aktivität und danach ein wirkliches Lösen. (vgl. Tun und Lösen).

Individuelle Stütze

Das Verblüffende: Der Brustkorb wird beim saugenden Singen mit dem Strohhalm sehr wahrscheinlich auf seine vorher entdeckte Lieblingsrichtung zurückgreifen. Einatmend saugen oder ausatmend saugen. Denn wir können nicht nur saugen und Atmen, sondern sogar Töne machen und dabei in der einatmendsaugenden Brustkorbaktivität sein. Das heißt, die Zwischenrippenmuskulatur ist automatisch in dehnender Richtung aktiv obwohl wir nicht einatmen.

Oder eben auch genau anders herum. Wir tönen und saugen und dabei verengt sich mein Brustkorb ganz von allein. Klingt verrückt – vor allem, weil sich bei jedem automatisch die ökonomischste Richtung aktiviert – ist aber so. Soweit meine Recherche reicht, hat das zwar noch kein Wissenschaftler bestätigt, aber ich empfehle jedem das einmal auszuprobieren. Eine Liedphrase mit dem Strohhalm saugend singen, dann schmatzen lassen – dabei strömt der Atem ein – und dann direkt im Anschluss die gleiche Phrase noch einmal ohne den Strohhalm singen.

Singen kann jedes Kind

Jeder kann singen und jeder hat die körperlichen Voraussetzungen um leicht und mühelos mit natürlichem Klang Töne von sich zu geben. Doch viele von uns verlernen es im Laufe unseres Lebens. Entweder, weil uns jemand sagt „wie es zu gehen hat“ und wir dann möglicherweise irgendetwas „üben“ was uns eigentlich nicht gut tut. Oder weil wir uns nicht trauen wirklich unsere Stimme zu erheben und deswegen vermeiden, unseren ganzen Organismus mit seinem vollen Potential zu nutzen, um uns zu äußern.(vgl. Was ist eine schöne Stimme? und Jubilieren gegen Höhenangst)

Mein kleiner 5 Wochen alter Säuger zuhause hat davon noch keinen Schimmer. Er äußert seine Bedürfnisse genauso direkt und unvermittelt, wie er an allem und jedem mit einer ungeheuren Kraft saugt und nuckelt, wenn der Hunger nur groß genug ist.

Die (säuge-)tierische Kraft

Der Saugreflex ist in uns noch immer so ursprünglich und instinktiv angelegt, dass wir uns dem kaum entziehen können. Als perfekt koordinierte, ganzkörperliche Hochleistungsaktivität in Lippen, Mundraum, Zunge, Zwerchfell, Beckenboden usw. nutzen wir die Balance von Spannung an der richtigen Stelle und Entspannung ideal aus. Nutzen wir diese Kraft auch beim Singen, haben Hilfsspannungen kaum eine Chance. Durch das Saugen sind wir zudem mit unseren inneren Säugetieranteilen verbunden und „umschiffen“ das Gehirn, das uns mit seinen Zweifeln und komplizierten Gedanken desöfteren am freien Singen hindert. Wir verbinden uns mit unseren Emotionen und den tiefer liegenden Schichten unserer Persönlichkeit. Das Saugen ermöglicht uns Kontakt mit uns selbst, erdet und beruhigt. In diesem Zustand zu singen ist in vielerlei Hinsicht ein Genuss.

Viel Lust am Tier-Sein und allerhand Aha-Erlebnisse bezüglich des saugenden Atems wünscht,

Anna Stijohann

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