Kern der Sache

Vor zwei Wochen hatte ich eine Ostheopathiesitzung, bei der ich auf meinen inneren Kern gestoßen bin. Kern in dem Sinne, wie das Kerngehäuse eines Apfels, meine innerste körperliche Faszienstruktur, die sich von den Fußsohlen, bis zum Schädel erstreckt.

Kein Verstehen ohne körperliches Erleben

Schon oft hatte ich versucht, diese Faszienkette (Thomas W. Myers nennt sie in seinem Buch „Anatomy Trains“ Deep Frontal Line (DFL)) zu verstehen und zu verinnerlichen, weil mir klar war, dass sie für das Singen unglaublich bedeutend ist. Sie ist die innere Struktur, die wesentlich für unsere innere Aufrichtung zuständig ist und sowohl das Zwerchfell und die Strukturen des Beckenbodens als auch die Rachen-, Zungen und äußere Kehlkopfmuskulatur umfasst.

Der Stein der Weisen für jede*n Sänger*in sozusagen 😉

Und trotzdem kam ich ihr nicht auf die Spur. Ich konnte mir hundertmal Bildchen anschauen und fand doch keine wirkliche Verbindung dazu. Und dann in der Osteopathiesitzung konnte ich plötzlich einen wesentlichen Teil dieser Faszienkette – nämlich die senkrecht auf der Innenseite des Kreuzbeins verlaufende Gewebsstruktur in meinem Becken – tief und klar spüren.

Wow. Aha-Erlebnis auf allen Ebenen. Verstand, Körper, inneres Wissen, Erleben.

Körperkern und Wesenskern

In den Tagen darauf habe ich mich tief in meine Fachbücher versenkt und konnte endlich endlich die Verbindungen sehen und gleichzeitig innerlich erleben.

Und ich habe mit der Stimme daran „entlangexperimentiert“. Hochgradig spannend!

Ich spreche oft davon, dass es mir darum geht, die Menschen, mit denen ich arbeite (wieder) mit ihrem inneren Kern zu verbinden, aber bisher meinte ich damit meistens eher den individuellen Wesenskern, der diesen Menschen eben einzigartig in seinem Sein, seinen Gefühlen und auch seiner Stimme macht.

Plötzlich eine passende physiologische, also ganz und gar greifbare Struktur dazu zu haben, mit der wir arbeiten können, öffnet einen völlig neuen Raum der Möglichkeiten.
Klar, die anderen Faszien, mit denen ich schon lange arbeite, ermöglichen diesen Kontakt auch schon, aber diese innerste Verbindung passiert auf einem noch viel intensiveren Level.

Kernschmelze im Unterricht

Am vergangenen Freitag hatte ich dann zwei Einzelstunden mit zwei Schülerinnen, die schon sehr lange bei mir sind. Sie kennen die allermeisten meiner Tipps und Tricks, haben die offene STIMMSINN – Arbeitsweise zutiefst verinnerlicht und sind deshalb immer offen und neugierig Dinge auszuprobieren, die wir noch nie zuvor gemacht haben.

Natürlich haben wir mit dieser Kernfaszie herumexperimentiert und es war grandios.

In sich selbst eine Verbindung von Kopf bis Fuß zu spüren und die Stimme daran anzulehnen – erstmal Abschnitt für Abschnitt, dann immer weitreichender – hat uns nicht nur jeden für sich zutiefst und sofort mit sich selbst verbunden, sondern auch die Verbindung zum anderen Individuum möglich gemacht. Kernschmelze sozusagen.

Innen und Außen

Was für ein Spaß, was für eine Freude, wenn die Stimme sich wirklich nach innen hin öffnet. „Innen ist außen und außen ist innen“, sagte eine der beiden Schülerinnen und ich konnte es am eigenen Leib mitspüren, was sie meinte.

Und es ist so hilfreich, die Verbindung nach „Innen“ an einer ganz konkreten Struktur festmachen zu können. Auch wenn diese Verbindung zu Beginn noch schwammig ist, sie wird durch die gelenkte körperliche Anwesenheit und das gleichzeitige Tönen und Singen immer greifbarer.

Mit unserer Aufmerksamkeit können wir ganz gezielt mit dieser inneren Kernstruktur in Verbindung bleiben und uns immer tieferem Genuss hingeben.
Wir können uns immer mehr in diese Verbindung „hineinfreuen“, genau wie wir uns immer tiefer und inniger mit einem anderen Menschen verbinden können.
In dieser Verbindung zu singen ist eine pure Freude.

Verbindung ermöglicht Öffnung

Wir erleben ein sowohl körperliches, als auch darüber hinausgehendes, Gefühl von innerer Stabilität und Souveränität bei gleichzeitig großer Flexibilität. Ein tolles Körpergefühl, das uns ein ganz anderes „Standing“ auch im Kontakt mit der Welt und anderen Menschen und Lebewesen gibt.

Der Kontakt zwischen Stimme und „Körperkern“ ermöglicht – und das ging mir und den Schüler*innen gleichermaßen so – eine mutige innere Öffnung, die unsern Wesenskern zum Klingen bringt.
Schaffen wir es, diese Verbindung nicht nur im Singen, sondern auch im Moment des Atmens zu halten, entsteht zusätzlich noch eine sich selbst verstärkende Dynamik, die das Singen mit jeder Phrase müheloser macht und den Kontakt nach innen noch intensiviert.

Das ist wie Fliegen! Nur noch 1000mal besser.

Bewerten und Wahrnehmen

Aber Achtung! Wenn sich plötzlich der Kopf einschaltet und der Verstand sich zu freuen beginnt, „wie gut es klingt“ oder „wie mühelos es funktioniert“, steigen wir aus aus dem Erleben und fallen in den Bewertungsmodus (ja, der greift auch, wenn wir etwas positiv bewerten), der wiederum den Modus des „Machens“ direkt nach sich zieht.

Aber das Gute ist, wir können jederzeit zurück in den Wahrnehmungsmodus wechseln, weil es ja immer noch um eine konkret-spürbare körperliche Struktur geht.

Ich kann es kaum erwarten, am kommenden Wochenende mit den 8 Damen meiner aktuellen Jahresgruppe auf innere Forschungsreise zu gehen. „Öffne Dein Herz und singe!“ lautet das Thema unseres dritten Präsenzwochenendes und der Zeitpunkt meiner Kernentdeckung könnte nicht passender sein.

Halleluja!

Raum und Fokus

Die beiden Begriffe Raum und Fokus sind zwei wichtige Protagonisten in meiner Welt des Singenlernens. Ich nutze die beiden Worte vor allem um den Menschen zu helfen, ihren eigenen Klang, die Funktion ihrer Stimme und die Rolle des Atems beim Singen kennenzulernen. Das ist besonders im Gespräch mit Menschen hilfreich, die sehr im Konzept der Register „Bruststimme und Kopfstimme“ unterwegs sind und sich dadurch in vielerlei Hinsicht selbst im Weg stehen. Aber das Spannungsfeld Raum und Fokus lässt sich noch auf so vielen anderen Ebenen ertragreich erforschen.

Unendliche Schattierungen von Grau

Ich verwende die beiden Worte Bruststimme und Kopfstimme in meiner Arbeit so wenig wie möglich. Zu oft bin ich Menschen begegnet, die in der Wahrnehmung ihrer eigenen Stimme eine starre Grenze zwischen beidem ziehen, und sich damit mehr schaden als nützen. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern unendlich viele Schattierungen von Grau dazwischen und hier kommen die Begriffe Raum und Fokus ins Spiel.
Denn sie beschreiben – meiner Erfahrung nach – sehr gut auf ganz unsängerische Weise den subjektiven Eindruck, wie sich ein Klang anfühlen kann.
Die beiden Begriffe an sich sind neutral. Beide Qualitäten sind auf ihre Weise wichtig. Es gibt – so liebe ich es – kein Richtig und Falsch. Wir können mit der Gewichtung der Beiden spielen. Wie und auf welche Weise, das möchte ich in den folgenden Abschnitten beschreiben.

Raum und Fokus in der direkten Klangerzeugung

Die Phänomene Raum und Fokus können auf ganz unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen werden. Zunächst auf der Ebene der konkreten Klangerzeugung. Singen wir z.B. einen kräftigen Ton in mittlerer Lage, schließen die Stimmlippen mit viel Masse. Je mehr Masse schwingt, desto kraftvoller klingt der Ton. Er bringt viel Fokussierung mit sich, ist kompakt und stabil und ich habe möglicherweise das Gefühl, einen recht direkten Zugriff auf die Stimme zu haben.
Berühren sich die Stimmlippen nur an der Randkante, entsteht ein filigranerer, beweglicher Ton. Er ist nicht kernig, sondern in der Regel weich und zart. Ich fühle weniger Fokus, dafür aber mehr Raum im Klang.

Raum und Fokus haben unterschiedliche Qualitäten

Kompakt, stabil, konkret, direkt, kernig – das sind für mich Qualitäten aus der Fokus-Welt. Im Gegensatz dazu stehen die Qualitäten aus der Raum-Welt: Weich, fein, schwingend, ausdehnend.
Natürlich kann auch ein leiser Ton sehr viel Fokussierung beinhalten und ein kräftiger Ton viel Raum. Gerade in dieser Unschärfe und Subjektivität in der Betrachtung liegt meiner Meinung nach die Chance, dass Schüler*innen wirklich ihren ganz eigenen Zugang zu ihren stimmlichen Qualitäten entwickeln können.
Diese Raum- bzw. Fokusqualitäten im Klang können die Menschen in der Regel sehr gut wahrnehmen und die Tatsache, dass ein Ton z.B. mehr Kern oder auch mehr Schwingung braucht, ist auch für Laien und Anfänger einzusehen. Gleichzeitig wird vermieden, Grenzen zu ziehen, wo keine sind und es schwingt immer implizit mit, dass es unendlich viele verschiedene Schattierungen im Klang geben kann.

Randnotiz: Auch das Phänomen „Twang“ lässt sich gut durch Raum und Fokus beschreiben. Aber da ich mich damit bisher nicht vertiefend beschäftigt habe, sei dies hier nur am Rande und der Vollständigkeit halber erwähnt.

Atemfluss und Klangraum

Eine zweite Betrachtungsebene für die Polaritäten Raum und Fokus ist das Zusammenspiel von Atem und Resonanz. Der weich fließende Atem öffnet den Raum zum Körper. Das kann jeder bestätigen, der sich schonmal spürend mit dem Atem beschäftigt hat. Je mehr der Atem durch den ganzen Körper fließen kann, desto reaktionsbereiter und schwingungsfähiger wird der Körper für die Stimme. Überall dort, wo der Atem sich Raum nimmt, kann auch die Stimme ihren Klang entfalten und den Körperraum immer mehr ausfüllen. Der Klang wird auf diese Weise voll und resonant.
Reduzieren wir den Atemfluss (oder schießen wir darüber hinaus, in dem wir den Atem schieben), verschwindet dieser Raum. Der körpereigene Klang wird flacher, das individuelle Timbre tritt in den Hintergrund.

Dringlichkeit erfordert mehr Fokus

Warum sollten wir das dann tun?, könnte man sich fragen und diese Frage ist berechtigt. Meine Antwort darauf lautet: Weil wir aufgrund einer erhöhten emotionalen Dringlichkeit (z.B. in einer bestimmten Stilistik) einen fokussierteren Klang brauchen!
Indem wir den „Atem-Raumanteil“ reduzieren, ermöglichen wir der Stimmmuskulatur, kräftiger zuzugreifen, die perfekte Balance zwischen innerer und äußerer Kehlkopfmuskulatur zu verlassen und Klänge hörbar werden zu lassen, die emotional eine andere Aussage haben.
Jeder von uns kennt das. Wenn wir über die Straße hinweg einen rüpelhaften Mitverkehrsteilnehmer anschreien, verwenden wir quasi keine Luft zur Stimmgebung. Wir unterstreichen die Dringlichkeit unserer Aussage durch einen knackigen, fokussierten Ton, bei dem die emotionale Aussage wichtiger ist, als unsere individuelle Klangfarbe. Bei einem perfekt ausbalancierten wunderschön gesungenen Klang, würde sich unser Gegenüber vermutlich gar nicht angesprochen fühlen. 😉

Raum im Schädel

Der durch die Atembremse entstehende Klang rutscht auf der Balanceskala zwischen Raum und Fokussierung ein gutes Stück Richtung Fokus. Im schlimmsten Falle verliert sich auch die noch die letzte Spur an Raum und wir verfallen in ein hysterisches, schrilles Kreischen.
Das möchten wir beim Singen in der Regel (selbst bei hoher emotionaler Beteiligung) vermeiden und da stellt sich die Frage, wie wir den Raumanteil im Klang wieder erhöhen können, ohne die Stimmmuskulatur oder den Atem loszulassen.
„Resonanzräume“ lautet das Stichwort und damit sind in diesem Zusammenhang vor allem die Räume im Schädel gemeint (vgl. Anna wird syng:trainer). Hier können wir – auch wenn sie nicht unendlich groß sind – Raumressourcen wecken und somit dem Klang trotz seiner Dringlichkeit, wieder etwas Raumqualität – weich, beweglich, individuell – zurückgeben.

Raum und Fokus in unterschiedlichen Genres

Die Begriffe Raum und Fokus helfen mir sehr oft bei der Beschreibung von Klängen. Die stimmlichen Unterschiede in verschiedenen Stilistiken und somit klangästhetischen Konzepten lassen sich durch die Balanceskala zwischen Raum und Fokus häufig sehr präzise und trotzdem offen und wertungsfrei beschreiben. Während wir im klassischen Klangideal in der Regel den größtmöglichen Raum mit gerade soviel Fokus wie nötig anstreben, suchen wir im Musical häufig einen knackigen, nahezu trompetenartigen Klang. Popgesang dagegen liebt die Gegensätze von sehr raumigen, manchmal hauchigen Klängen und klaren, fokussierten sprachnahen Sounds. Die Mikrofonierung und der Wegfall der Notwendigkeit, aus sich selbst heraus mit der Stimme Raum einzunehmen, spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle.

Gerade wenn ich genreübergreifend singen und unterrichten möchte, erlaubt mir der bewusste Ausstieg aus der Brust-/Kopfstimm-Box, Klänge vielschichtiger zu betrachten. Beim Üben und Erforschen der Stimme mal auf die Suche zu gehen, wo und auf welchen unterschiedlichen Ebenen ich Raum und Fokussierung erleben kann, hilft mir meine Stimme immer besser kennenzulernen und im Falle einer ungewollten Dysbalance das angemessene „Gegenmittel“ zu finden, bzw. eine Ahnung zu haben, wo ich suchen und fündig werden könnte.  

Raum und Fokus – Innen und Außen

Aber die Frage nach Raum und Fokus ist auch über den konkreten Klang hinaus sinnvoll. Sie begegnet uns u.a. im Spannungsfeld zwischen Innen und Außen.
Wo bin ich bei mir, wo bin ich im Raum?
Wo breitet sich der Klang aus und nimmt Raum ein – das kann innen und außen sein – und wo finde ich durch die Fokussierung meiner Aufmerksamkeit Ankerpunkte um nicht im Raum verloren zu gehen?
Wie sehr bin ich im Außen und bin ich dort fokussiert oder breit und offen?
Wie bin ich innerlich verbunden?

Raum und Fokus in der bipolaren Atemarbeit

Ganz wichtig sind die beiden Begriffe auch in meiner Arbeit mit den Atemtypen. Sie beschreiben ganz wunderbar elementare Aspekte der jeweiligen Atemdynamik, sowohl in der körperlichen Bewegung als auch mit der Stimme.
Einatmer und Ausatmer brauchen in vielerlei Hinsicht eine völlig andere Balance zwischen Raum und Fokus um in ihre Kraft und Leichtigkeit zu finden. Wo für den Einen das Augenmerk auf dem Fokus liegt und der Raum sich wie von selbst daraus entfaltet, ist es für den Anderen genau umgekehrt. Wir arbeiten am und mit dem Raum und der Fokus in der Stimme zeigt sich von allein.
Damit herumzuexperimentieren ermöglicht ein immer klareres Bild davon, welche Bewegungsdynamik in meinem ganz individuellen Fall Stimme und Körper intensiver miteinander verbindet. Ist eine Bewegung eher konkret oder weich? Wie beginnt eine (Stimm-)bewegung? Mit einem klaren, knackigen Anfang oder aus einem offenen Schwung heraus?
Wenn wir die unterschiedlichen Qualitäten von Raum und Fokus auf körperlicher Ebene erforschen (z.B. in den Wilkschen Körperübungen), können wir diese – immer eingebettet in den Kontext des ganzes Körpers – leicht auf die Stimme übertragen.

Fokussierte und raumgreifende Aufmerksamkeit

Auch auf der Aufmerksamkeitsebene bewege ich mich ständig zwischen Raum und Fokus. Sie überlappt sich dabei in vielen Aspekten mit der Frage nach dem Detail und dem Ganzen. Wir können uns auf winzige Details fokussieren und unser Erleben, z.B. auf körperlicher Ebene, sehr genau und analytisch auswerten. Dabei muss es nicht immer um ein kleines anatomisches Detail gehen, sondern wir können uns auch auf ein ganz bestimmtes Phänomen, z.B. eine Bewegungsqualität konzentrieren. Unsere Aufmerksamkeit liegt dann ganz dort und wir erfahren intensiv und sehr genau, was sich dahinter verbirgt.
Sind wir mit unserer Aufmerksamkeit eher im Raummodus, geht es weniger um das einzelne Detail, sondern möglicherweise verstärkt um die Zusammenhänge und Verbindungen. Es geht um das ganze Bild. Wieder begegnen uns die unterschiedlichen Qualitäten: weich, fließend, ausdehnend, schwingend, in Beziehung, offen. Im Gegenzug dazu: Präzise, genau, konkret, detailliert.

Sich diese verschiedenen Erlebnisebenen von Zeit zu Zeit bewusst zu machen und all die Aspekte der Polarität von Raum und Fokus zu erforschen lohnt sich definitiv.

Eckpunkte und das Dazwischen

Raum und Fokus sind Gegenspieler. Angelehnt an die Unschärferelation des  Physikers Heisenberg, der herausfand, dass wir bestimmte Eigenschaften (Ort und Impuls) eines Teilchens nicht gleichzeitig in vollem Umfang erfassen können, möchte ich anmerken, dass wir auch die Phänomene Raum und Fokus nicht gleichzeitig betrachten können. Wir brauchen eine gewisse innere Unschärfe um auf beide Qualitäten Zugriff zu behalten. Wenn wir uns ganz und gar auf den einen Aspekt stürzen, wird der andere verblassen.

Manchmal ist aber genau das lohnenswert, nützlich und erlebnisreich – ganz egal auf welcher Ebene – Klang, Atem, Resonanz oder Aufmerksamkeit -, nämlich den Raum auf der einen oder die Fokussierung auf der anderen Seite einmal intensiv zu erforschen. Dadurch lernen wir die Eckpunkte dieser Polarität wirklich in ihrer Tiefe kennen und erweitern somit die Bandbreite und qualitative Ausdehnung unseres Spannungsfeldes. Wir verbreitern das Spektrum zwischen Raum und Fokus und erwerben damit neue, verfeinerte Fähigkeiten uns auf der Balanceskala zu bewegen.

Und manchmal – oder sogar ziemlich oft – profitiert genau der andere Bereich davon. Die Erforschung von Raum hat eine bessere Fokussierung zur Folge und die Fokussierung führt am Ende zu mehr Raum. So funktioniert u.a. das Konzept der inneren Anlehnung (mein Begriff für „Stütze“). Je genauer ich erfahren habe, wo und wie ich mich mit dem Klang anlehnen kann, desto freier und klangvoller kann sich dieser entfalten. Raum und Fokus in perfektem Zusammenspiel.

Wer Lust hat, das Spannungsfeld „Raum und Fokus“ ganz praktisch, körperlich-stimmlich und auf STIMMSINN – Weise zu erforschen, sei herzlich zum Miniworkshop am kommenden Samstag, den 19.02.2022 (10 – 13 Uhr) eingeladen.

Beispielhafte Übungen für die Arbeit mit Raum und/oder Fokus findest Du auch auf dem STIMMSINN-Youtubekanal:

Die Luftharfe (Raum und Fokus in direktem Vergleich)

Die innere Kölnarena (Räume im Kopf)

Singen durch die Ohren (Räume im Kopf)

Die Möwe (Fokus)

ZZZ (Fokus)

Reinknarzen (Fokus)

Singen mit Nase zu (wie sich Raum und Fokus bedingen)

Selbstoptimierung und Lernen

Vor gut zwei Wochen kam im Rahmen einer Zoomkonferenz meines Onlinekurses „Stimme ist mehr…“ ein spannendes Thema auf. Eine der Teilnehmerinnen äußerte ihren Unmut über den Drang unserer Gesellschaft, sich immer weiter selbst zu „optimieren“. Wir müssen klüger, schneller und gelassener werden, täglich Yoga machen und uns in Mitgefühl und Selbstliebe üben. Und natürlich – klar, das steht außer Frage – müssen wir höher, lauter und schöner singen.

Patentlösung sofort

Für jedes Problem dieser Welt gibt es ein Ratgeberbuch oder einen Onlinekurs und der Garant auf persönliche Weiterentwicklung lässt sich mittlerweile an jeder Ecke „kaufen“. Je teurer, desto „erleuchteter“ werden wir am Ende daraus hervorgehen.
Immer suchen wir die sofortige Patentlösung für unsere Probleme und wenn wir es nicht tun, haben Freund*innen oder Lehrer*innen garantiert die ultimativen Tipps parat. Haben wir die eine Methode XY noch immer nicht ausprobiert, fühlen wir uns schlecht und nehmen uns vor, mindestens mal ein paar Youtube-Videos zum Thema anzuschauen.

Eine berechtigte Frage

Versteht mich nicht falsch. Ich persönlich liebe es, neue Dinge zu lernen und ich liebe es, an mir zu arbeiten (ja, echt, das war schon immer so). Ich schaue mir inspirierende Videos von klugen Leuten an und habe Freude, auch andere Menschen in ihrem Lernen zu unterstützen. Und ja, ich buche auch Onlinekurse und biete sogar selbst welche an. 😊
Aber ich finde es eine völlig berechtigte und sehr wertvolle Frage, die die Kursteilnehmerin da aufgeworfen hat und ich habe dieses Thema intensiv in mir gedreht und gewendet.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und „Lernen“?

Die „Um zu“ – Falle

Für mich liegt der Knackpunkt in der Motivation. Warum möchte ich lernen? Was treibt mich an, mich zu bilden? Und da ist für mich ganz klar: Wenn es ums Optimieren geht, liegt die Motivation immer im Außen. Ich möchte mich verbessern „um zu“…
Ich möchte gelassener sein, um im Alltag besser zu funktionieren. Ich möchte meine Stimme verbessern, um bessere Rollen oder Konzerte singen zu können. Ich möchte mehr Selbstliebe praktizieren und unbedingt meditieren, weil das ja jetzt alle machen und das sicher mein Leben vereinfacht usw.

Neugier – einfach so

Dabei kann ich auch von ganz anderer Stelle motiviert sein mich auf einen Lernweg zu begeben.
Einfach so, weil ich neugierig bin zum Beispiel. Oder weil es mir ein absolut tiefes inneres Bedürfnis ist. Weil mir etwas Freude macht und ich Lust habe, mich mit einem Themengebiet zu beschäftigen. Weil mein Herz höher schlägt, wenn ich mir Videos anschaue, in denen ein kluger Mensch über das Leben philosophiert. Weil ich mich wohlfühle, wenn ich mich in einem bestimmten Lernumfeld bewege. Und weil es in mir eine ganz tiefe innere Lernlust gibt, die mich antreibt und sagt: Da ist doch noch mehr drin für Dich, Anna.

Bin ich gut genug?

Und sehr eng damit verwoben ist die Frage nach dem persönlichen Zustand, aus dem heraus ich mein Lernunterfangen starte. Befinde ich mich in einem Zustand von „ich bin nicht gut so, wie ich bin“? Fühle ich mich noch nicht kompetent genug, wenn ich jetzt nicht noch dieses oder jenes Zertifikat erwerbe? Habe ich das Gefühl, sonst nicht mithalten zu können oder nicht wertvoll zu sein, wie ich bin?

Oder gehe ich los, weil ich für mich selbst lernen möchte? Weil es einen inneren Drang gibt, mich selbst oder ein Themengebiet oder meine Stimme oder meinen Körper oder was auch immer, noch mehr zu verstehen. Ja, vielleicht, damit ich mich leichter ausdrücken kann und mehr Freude am Singen habe. Weil ich das Gefühl liebe, wenn meine Stimme einfach so dahinfliegt oder sich leicht und geschmeidig mit anderen Stimmen verbindet. Aber dann liegt auch die Motivation für das „um zu“ in mir und ist an meine eigene innere Freude angeschlossen.

Immer der Freude nach

Die Freude, die Lust am Tun ohne vorgegebenen Ausgang, zeigt sich mir immer mehr als Wegweiser in meiner eigenen Arbeit, aber auch mit Schüler*innen und Kursteilnehmer*innen. Da wo die Freude ins Spiel kommt, geht es lang. So einfach. Fast zu einfach.
Dort wo die eigene Neugier entfacht wird – selbst wenn es auf den ersten Blick überhaupt keinen „Sinn“ ergibt – da gehen wir weiter. Und dann lernen wir wie von selbst.

Und ich glaube – ganz ohne Selbstoptimierungshintergedanken – das dürfen wir uns viel öfter erlauben. Nicht, damit wir am Ende dann doch wieder „besser sind als die anderen“. Sondern einfach um das Singen, das Sich-Ausdrücken und letztendlich das Leben tiefer zu genießen, mehr auszukosten und eine intensivere Lebenserfahrung zu machen.

Sich selber trauen

Wie erkenne ich nun, auf welchem Pfad ich gerade unterwegs bin? Wie erkenne ich, welche Kurse und Ratgeberbücher mich in welche Richtung führen?
Ich frage mich in diesem Zusammenhang ganz einfach: Was brauche ich und was nährt mich wirklich?
Nicht immer ist es leicht, die eigenen Bedürfnisse ganz klar zu spüren und in einer Welt in der uns permanent Probleme und Optimierungsbedarf eingeredet wird, bei sich zu bleiben.
Aber ich glaube, wir dürfen wieder lernen, unserer eigenen Wahrnehmung zu trauen.

„Ich spüre dieses oder jenes.“ „Hier macht mir etwas wirklich Freude oder fühlt sich einfach so gut an.“ Ganz ohne es tiefer begründen zu müssen. „Ich bin noch skeptisch, aber neugierig.“
Das alles sind Maßstäbe, an denen wir uns orientieren können. Vielleicht sollten.

Jeder hat ganz eigene Bedürfnisse

Und das kann für jeden ganz unterschiedlich sein. Das Lerntempo des Einen ist für jemand anderen viel zu schnell. Die Tiefe, in die ein Kurs oder ein Gespräch mich führt, ist nichts für meinen Nachbarn. Mancher braucht viel Begleitung, ein anderer wenig. Jene braucht gutes Zureden, die andere einen Tritt in den Popo. Und das ist wunderbar und gut so. (hihi, reimt sich…)
Wenn ich meine wirklichen Bedürfnisse kenne und meiner eigenen Wahrnehmung traue (und vielleicht auch noch eine Prise Intuition einlade), kann ich mich unabhängig machen, von dem, was im Außen herumschwirrt. Beziehungsweise, ich kann klarer spüren, womit ich wirklich in Resonanz gehe und als Konsequenz daraus: Frei wählen.

Selbstoptimierung ist voll okay

An dieser Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass ich es überhaupt nicht für verwerflich halte, an der einen oder anderen Stelle im Leben etwas optimieren zu wollen und einen äußeren Anreiz als Lernmotivator hinzuzuziehen. Manchmal brauchen wir konkrete Ziele, ja sogar Wettbewerb mit Anderen und konkrete Herausforderungen. Mich spornt sowas regelmäßig zu Höchstleistungen an. Aber die wichtige Frage ist immer, ob ich mir dessen bewusst bin.
Denn wenn ich im Strudel des Selbstoptimierungswahns lande und es nicht bemerke, werde ich mich immer fragen, warum es mich nicht wirklich glücklich macht, was ich da tue. Wenn ich innerlich mein Gefühl von „ich bin nicht gut genug“ weiter festige, kann ich noch hunderttausend Coaching-Kurse für mehr Freiheit im Leben machen und bewege mich doch nur frustriert auf der Oberfläche.

Menschen sind Lernwesen

Dabei sind wir in der Tiefe unseres Seins Lernwesen. Wir möchten uns weiterentwickeln. Lernen ist wunderbar und großartig und innere Freude, Genuss und die Sehnsucht nach Freiheit sind wunderbare Motoren für unser Lernen. Sich dabei auch über Dinge und Kanäle inspirieren zu lassen, die uns vielleicht sogar erstmal absurd oder nicht relevant erscheinen, kann eine gute Möglichkeit sein, der Freudespur zu folgen und nicht gleich nur nach dem Ergebnis zu schielen. Im Grunde ist es die Art und Weise, wie Kinder lernen, wenn sie frei spielen. Dann sind sie ganz und gar im Moment und erleben mit allen Sinnen etwas, von dem sie zutiefst fasziniert sind. Kinder haben noch keine (oder zumindest eine nicht so ausgeprägte) Meta-Ebene, mit der sie immer wieder Rücksprache halten, ob sie schon genug gelernt haben. Die erwachsene Fähigkeit der Reflektion ist Fluch und Segen zugleich und es ist und bleibt eine Gratwanderung, beides miteinander zu verbinden.
Ganz und gar eintauchen ins Erleben, dann wieder auftauchen und reflektieren. Die Perlen einsammeln, nachwirken lassen, Lernergebnisse bündeln, innerlich strukturieren und dann wieder ganz tief eintauchen ins Tun. So erlebe ich es, wenn ich in einem nährenden Lernfeld unterwegs bin.

Selbstoptimierung und Lernlust als Spannungsfeld

Lernlust und die Lust an der persönlichen Entfaltung entwickeln sich von innen nach außen. Von der Neugier oder dem inneren Bedürfnis hin zur Erweiterung der Fähigkeiten. Selbstoptimierung dagegen nimmt den anderen Weg und ist von außen nach innen orientiert.
Auf der einen Seite steht – natürlich überspitzt – „ich kann das noch nicht (gut genug) und bin deswegen ein Loser“. Auf der anderen Seite steht ein Gefühl von: „Ich bin vollständig, aber ich möchte etwas erleben, entdecken, mich entfalten.“

Und dieses Spannungsfeld wird auch ganz deutlich, wenn wir uns die zugehörige Sprache und ihre Atmosphäre anschauen.
Auf der einen Seite geht es um Effizienz und Produktivität, ums Produzieren und Erreichen und um den Erfolg.
Die Worte auf der anderen Seite fühlen sich – auch ganz konkret körperlich – völlig anders an: Potential, erleben, entdecken, finden, einen Weg gehen, sich entfalten.
Aber Achtung, auch hier lauert die Selbstoptimierung manchmal hinter schönen blumigen Begriffen.
Immer wieder ertappe ich mich selbst dabei, wie ich auf geschicktes Marketing-Gefasel hereinfalle.

Wonach suche ich?

Aber dann frage ich mich: Worum geht es eigentlich wirklich? Geht es um einen Mangel, den es zu beheben gilt? Ein Problem, das dringend gelöst werden muss, damit ich ein vollständiger, wertvoller Mensch bin? Eine Angst, einen Schmerz?
Dann mache ich – weil ich für mich persönlich entschieden habe, dass ich in einer solchen Welt nicht leben möchte – auf dem Absatz kehrt und nutze die Kraft meiner Aufmerksamkeit, in dem ich sie dorthin lenke, wo ich das Gefühl habe, meiner eigenen inneren Wahrheit näher zu kommen.
Klingt schwülstig. Ist aber so.
Meine Leitfragen sind: Was entspricht meinem Wesen? Wie kann ich immer mehr ich selbst sein bzw. werden? Wie kann ich mich in dem, was ich tue immer mehr verankern? Wohin leiten mich meine Neugier und meine Freude? Was bringt mein Herz zum Singen?

Und was mache ich jetzt damit?

Und schlussendlich liegt es ja an uns selbst, wie wir unser eigenes Lernen und die Motivation dahinter einordnen und ob wir uns mit einem Gefühl von „ich bin nicht gut genug und muss mich optimieren“ oder liebevoll zugewandt und neugierig auf Höhen, Tiefen und Möglichkeiten, die es noch zu ergründen gibt, auf den Lernweg begeben.

Ich wünsche euch allen eine gute, erlebnisreiche Zeit und auf der einen Seite tiefe Zufriedenheit mit dem was da ist und auf der anderen Seite einen inneren Wissens- und Erlebensdurst, der unersättlich ist!

Anna

P.S. Bist Du schon angemeldet für den STIMMSINN – Adventskalender? 24 Übungen für mehr Sing- und Stimmfreude. Kostenlos. Vielleicht singst Du am Ende schöner als vorher. Könnte passieren. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht macht es einfach Spaß, Deine Stimme zu erforschen… Wer weiß?

Polaritäten

Ein Thema, das in meinem Unterricht, in meinen Kursen und in meinem Leben immer wieder in Erscheinung tritt, ist die Beschäftigung mit Polaritäten. Unsere Welt ist voll davon und oft wird uns suggeriert – oder wir bestärken uns selber darin, dass es so sei – wir müssten uns entscheiden. Schwarz oder Weiß. Kinder oder Karriere. Bühne oder Unterrichten. Pop oder Klassik. Chor oder Solo.

Nichts davon ist wahr. Denn Gegensätze müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil. Polaritäten können viel mehr und die Welt beginnt erst langsam langsam den Wert verschiedener Meinungen, Positionen oder Voraussetzungen zu verstehen. Polaritäten sind großartig! Immer wenn in meinen Kursen plötzlich Dinge gleichzeitig im Raum stehen, von denen unser Verstand eigentlich sagt, dass sie sich gegenseitig ausschließen, mache ich ein kleines Freudentänzchen. Wenn die Menschen mir rückmelden, dass sie sich gleichzeitig weich und von klarer Struktur fühlen, gleichzeitig Raum und Fokus wahrnehmen können, sich ganz bei sich und gleichzeitig ganz verbunden mit anderen fühlen. Das sind meine Sternstundenmomente.

Polaritäten öffnen Räume

Das Wahrnehmen von Polaritäten und die Arbeit damit tun vor allem eines. Sie öffnen Räume. Ich stelle es mir manchmal vor wie zwei Punkte, die weit voneinander entfernt sind. Ich kann die Aufmerksamkeit auf den einen oder den anderen richten. Dann verliere ich aber den jeweils anderen aus dem Blick. Oder ich kann – leicht unscharf – beide Eckpunkte gleichzeitig wahrnehmen und dann entsteht dazwischen eine Verbindung. Dann entsteht Raum, ein Dazwischen. Und dieses Dazwischen ist der Ort, wo Lebendigkeit passiert, wo Dinge entstehen können, die aus den beiden Polen gespeist werden, aber weder zur einen noch zur anderen Seite gehören müssen. In diesem Spannungsfeld gibt es unglaublich viel zu entdecken.

Eckpunkte ausloten

Beim Singen und in der Arbeit mit der Stimme könnten das z.B. ganz konkrete musikalische oder stimmliche Parameter sein. Laut und leise, sanft oder kräftig, hoch und tief, Anbindung und Freiheit, Innen und Außen. Fast immer liegen die interessanten Dinge, die es zu entdecken gilt, in eben solchen Spannungsfeldern. Indem ich die Polaritäten auslote, kennenlerne und vertiefe kann ich z.B. bezogen auf einen stimmlichen Parameter meinen eigenen Spielraum erweitern. Indem ich mir beide Pole bewusstmache, kann ich die Möglichkeiten dazwischen erfahren.

Kenne ich die Eckpunkte meines Tuns, meiner Stimme, meiner Gefühle nicht, kann ich auch den Raum dazwischen nicht für mich nutzen. Erst durch meine eigene Wahrnehmung wird er erlebbar. Dabei – das klingt zunächst paradox – gilt, je weiter die Polaritäten voneinander entfernt und je klarer sie getrennt sind, desto vielschichtiger erscheint das Dazwischen.

Raum erweitern

Und genau auf diese Weise, lässt sich mithilfe der Polaritäten der eigene Raum vergrößern. Wie bei einer Waage kann ich mir anschauen, auf welcher Seite gerade ein Übergewicht da ist. Welche der beiden Seiten ist mir vertrauter? Auf welcher Seite liegt meine Neugier? Wo möchte ich meine Möglichkeiten noch etwas ausdehnen? Wir werden uns vermutlich immer auf einer der Seiten mehr zuhause fühlen und das ist auch völlig in Ordnung. Aber es lohnt sich definitiv, auch auf der unbekannten Seite zu forschen. Denn die Erkenntnisse, die wir von dort mitbringen, werden sich auch auf der anderen Seite der Waage in einem vertieften Erlebnis niederschlagen.

Ein schönes Beispiel dafür sind für mich beim Singen die beiden wichtigen Zutaten „Raum“ und „Fokus“. Der eine kann nicht ohne den anderen existieren und ohne Zweifel brauchen wir beim Singen, braucht jede Stimme, sowohl Raum, als auch Fokussierung. Mal arbeiten wir hier, mal arbeiten wir dort. Erst im Kontrast der zwei können wir wirklich beide durchdringen und erfassen. Das ist das Wesen jedes Gegensatzpaares. In dem ich mich mal mit der einen, mal mit der anderen Seite beschäftige, vergrößert sich der Zwischenraum und meine Stimme erhält mehr Farbschattierungen, mehr Beweglichkeit, mehr Ausdrucksfreiheit, mehr Tragfähigkeit.

Bipolare Atemdynamik

Eine wichtige „Polaritätenbaustelle“ mit der ich mich schon seit vielen Jahren beschäftige, ist die bipolare Atemdynamik. In der Arbeit mit den zwei Atemtypen gilt, wie schon oben beschrieben: Je klarer wir die Polaritäten trennen, desto mehr Raum entsteht im Körper, für die Stimme und auch innerlich für uns als menschliche Wesen. Der geschärfte Kontrast schafft Form und macht Dinge sicht- und spürbar. Dann entsteht im Hin und Her und der erlebten Gleichzeitigkeit von aktiven Tun und Geschehenlassen ein lebendiges Spielfeld, eine Dynamik, eine Bewegung. Und das macht nicht nur richtig Laune, sondern lässt auch die Stimmen zu ihrer Mühelosigkeit und freien Entfaltung finden.

Raum halten kann man lernen

Die Herausforderung in der Arbeit mit den (Atem-)polaritäten, ist dabei stets, sich nicht zerreißen zu lassen. Die Klarheit in der Unterscheidung zu erlauben und sich gleichzeitig nicht für eine Seite entscheiden zu müssen. Das ist nicht immer leicht, weil es dafür unsere stetige Wachheit braucht, nicht eine Seite aus dem Blick zu verlieren, sondern den Raum wirklich offen zu halten. Dabei können uns die Eckpunkte des Spannungsfeldes immer wieder helfen die Orientierung zu behalten.

Je klarer die Polaritäten in uns sind, desto stabiler der Rahmen und desto mehr Instabilität und damit Lebendigkeit kann und darf dazwischen passieren. Auch das kann man, wie nahezu alles im Leben, Üben und Lernen. Je größer unsere Fähigkeit wird, die Polaritäten gleichzeitig im Blick zu haben, desto kraftvoller kann sich das Dazwischen entfalten und desto reicher werden wir beschenkt.

Polaritäten erzeugen Spannung

Das mag jetzt alles ziemlich abstrakt klingen, aber jeder kann das für sich leicht an einigen Beispielen durchdenken und durchfühlen. Innen und Außen, Freiheit und Sicherheit, Tun und Lösen, Klang und Stille, Gesangstechnik und Gefühl, Populärem Gesang und Klassik, Detailanalyse und Ganzheitlichkeit, Kunst und Kommerz, Individualität und Zugehörigkeit, Musikvermittlung und eigene Kunst.

Die Liste der spannenden Polaritäten, mit denen wir es in der Arbeit mit der Stimme, im Singen, als Pädagog*innen, Künstler*innen und als Menschen zu tun haben, könnte ich noch unendlich fortsetzen. In allen Fällen gilt: Die eine ohne die andere Seite ist wertlos. Erst im Kontrast entsteht Klarheit und vor allem entspringen genau an dieser Stelle die spannenden Fragen, die uns in Bewegung bringen.

Manchmal kommt mir das Bild von elektrischen Polen in den Sinn. Nur in der Unterscheidung von + und – kann Strom fließen. Im Dazwischen der Polaritäten liegt das gesamte Potential des Energieflusses.

Anna will forschen

Weil ich mit dem Thema „Polaritäten“ noch viel weiter forschen möchte und ich große Lust habe, noch mehr Spannungsfelder zu öffnen und auch euch zu noch mehr räumlichem Denken und Erleben einzuladen, habe ich schon seit längerem vor, mich intensiv mit Menschen darüber auszutauschen. Vor allem mit anderen Sänger*innen, Chorleiter*innen, Musiker*innen und Stimmneugierigen.

Jeder Mensch hat seine eigenen Spannungsfelder und indem wir genau darüber sprechen, können wir viel über unser Gegenüber, aber auch über das Leben an sich erfahren. Polaritäten sind übrigens meiner Meinung nach keineswegs absolut zu sehen. Sie sind höchst subjektiv und von der betreffenden Person stets selbstgewählt. Diese „Landkarte“ der eigenen Spannungsfelder erzählt sehr viel über uns. Der eigene Blick auf die Polaritäten anderer Menschen kann genau deswegen unglaublich inspirierend sein.

Twang oder Liebe – Der STIMMSINN – Podcast

Ermöglicht durch ein Corona-Künstlerstipendium des Landes NRW kann ich diese Idee nun endlich in die Tat umsetzen. Der STIMMSINN – Podcast kommt!
Unter dem oben genannten Titel „Twang oder Liebe“ werde ich Interviewgespräche mit verschiedensten Kolleg*innen führen. Dabei wird es in jeder Folge genau um die ganz persönlichen Spannungs- und Spielfelder meines Gegenübers gehen. Was ist Dein ganz persönliches „Twang oder Liebe“? Diese Frage wird am Beginn jeder Podcastfolge stehen und ich freue mich riesig auf die spannenden Gespräche und den Austausch mit den Kolleg*innen.

Der Name des Podcast „Twang oder Liebe“ hat sich übrigens vor einiger Zeit aus eben so einem Kollegengespräch ergeben . Leider weiß ich nicht mehr mit wem. Aber schon in dem Moment war mir klar: So wird er heißen. Mein Podcast. Denn genau diese Gegenüberstellung spiegelt für mich auch meinen eigenen Spagat zwischen den Welten wider.

Kurzer Exkurs – Twang

Für diejenigen unter euch, die mit dem Begriff „Twang“ nichts anfangen können, sei kurz erwähnt, dass es sich dabei um einen gesangstechnischen Begriff handelt, der vor allem in der populären Gesangspädagogik sehr präsent ist. Überspitzt gesagt, wurde „Twang“ eine Zeitlang fast als das „Allheilmittel“ für alle technischen Schwierigkeiten eingesetzt. Gerade im Musicalbereich sorgte zu viel „Twang“ zu einem starken Individualitätsverlust der einzelnen Sänger*innen, weil alle nahezu gleich klangen. Mittlerweile gibt es zum Glück für viele technische Herausforderungen andere Lösungsansätze, aber dazu könnte man sicher einen ganzen eigenen Blogartikel verfassen 😉.

Twang und Liebe!

Ich liebe beide Seiten. Die Technik, das Forschen im Detail, das Handwerk – und das intuitive, ganz und gar ans Gefühl angebundene Singen. Lange Zeit dachte ich, ich müsste mich für eine Seite entscheiden. Nein. Mittlerweile habe ich einen eigenen Weg gefunden, dieses Spannungsfeld in mir offen zu halten, die Polaritäten gleichzeitig wahrzunehmen und klar voneinander abzugrenzen. Das gibt mir den Raum, meine eigenen Lösungen zu finden und je nachdem, wonach es mir ist, mit mir selbst und meinen Schülern mal auf der einen Seite, mal auf der anderen Seite zu arbeiten und mich dann im offen Zwischenraum so richtig auszutoben.

Wann, wo und wie genau die erste Podcastfolge von „Twang oder Liebe“ veröffentlich werden wird, steht noch nicht fest. Ihr werdet es auf jeden Fall erfahren.
Nichtsdestotrotz wollte ich meine Gedanken zum Thema Polaritäten schon jetzt mit euch teilen.

Herzliche Grüße aus dem Spannungsfeld von riesiger Forscherfreude und wackligen Knien sendet euch

Anna

Wie groß ist Dein Taucheranzug?

„Macht es für Dich eigentlich einen Unterschied, ob Dein Newsletter an 300 oder 2000 Menschen raus geht?“

 Diese Frage hat mir neulich eine Kollegin gestellt und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Diese Frage hat – wie gute Fragen das immer tun – in mir viel in Bewegung gebracht und ich möchte in diesem Blogartikel meine Gedanken dazu teilen. Denn die gehen weit über die eigentliche Frage hinaus und betreffen jeden von uns. Egal ob Sänger*in, Sprecher*in oder schlicht Mensch in dieser Welt.

In welchem Raum bewege ich mich?

Das Gespräch mit der Kollegin hatte eigentlich mit der Überlegung begonnen, wie es ist, wenn man vor einigen wenigen Menschen singt und das Konzert gleichzeitig per Live-Stream übertragen wird.

Macht das für mich als Sänger*in einen Unterschied? Was, wenn die zuhause dabei Chips essen oder am Handy daddeln?

In welchem Raum bewege ich mich dann überhaupt? Wie groß darf / muss der Raum sein, den ich mit meiner Stimme und meiner Energie fülle? Wie kann ich alle, die sich mit mir in diesem Moment in diesem Aufmerksamkeitsraum befinden, wirklich erreichen?

Das Wunder der virtuellen Begegnung

Mit diesen Fragen bin ich – spätestens seit ich vor etwas mehr als einem Jahr angefangen habe, meinen Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ zu den Menschen zu bringen – immer wieder unterwegs. Mit Menschen in so intensivem Kontakt – sei es im Austausch über das Erlebte, aber auch im Singen – zu sein, denen ich noch nie „in echt“ begegnet bin, war für mich am Anfang, und ist es manchmal immer noch, ein absolutes Wunder.

Wenn wir uns virtuell begegnen, scheinen wir auf den ersten Blick weniger verbunden zu sein.
Eine rein digitale Begegnung erscheint uns zweidimensional.
Wenn wir uns physisch in einem Raum befinden, spüren wir einander erstmal deutlicher. Das ist die Art von Begegnung, die wir kennen und mit der wir vertraut sind.

 Aber ich durfte durch meine Online-Arbeit, die sich stetig erweitert und auf vielen verschiedenen Ebenen wächst, sehr wertvolles erfahren. Wir sind miteinander verbunden. So oder so.
Ganz egal, ob meine Kursteilnehmer*innen in Rostock oder Tirol, in Mailand oder Peru oder in Köln-Nippes direkt ums Eck sind.

Die drei Räume

Klar, zunächst befindet sich jede*r Kursteilnehmer*in – oder aber genauso bei einem Livestream – Konzert / Theater / Lesung – in seinem eigenen Raum. In dem Zimmer, das jedem vertraut ist. Dem eigenen Wohnzimmer, der Küche oder ich in meinem schönen STIMMSINN – Studio.

Als zweiten Raum, bewohnen wir uns selbst. Das klingt vielleicht erstmal seltsam, aber ich möchte es erklären. Der Raum, der in mir ist, meine Wahrnehmung davon, was mein Körper ist, meine Gedanken, meine Gefühle, meine innere Musik, ist nur mir zugänglich. Ich allein bin hier zuhause.
In dem Moment, wo ich mit meiner Aufmerksamkeit ganz bewusst mit diesem inneren Raum in Verbindung gehe, geschieht etwas wunderbares.

Es öffnet sich ein dritter Raum. Der Raum, in dem wir uns begegnen. Damit meine ich zum Beispiel meine Kursteilnehmer*innen und ich oder uns hier: Du, der Du diesen Blogartikel liest und ich, während ich ihn schreibe. Unser innerer Raum ist wie ein Tor, eine Schwelle, die uns erlaubt, mit den Menschen jenseits des Bildschirms – ganz egal ob wir sie wie kleine Kacheln auf dem Bildschirm sehen oder hinter der Kamera nur erahnen können – in Kontakt zu gehen.

Probier es einfach aus!

Ich empfehle, das beim nächsten Zoommeeting (die hat ja mittlerweile fast jeder von uns von Zeit zu Zeit) mal auszuprobieren. Ein paar Atemzüge nach innen lauschen, den Körper wahrnehmen, die Gefühle bemerken. Und dann können wir hinausschauen und uns verbinden mit den Menschen, die da am anderen Ende der Internetleitung sitzen. 

Auf einer ganz feinen Ebene – einer Ebene, die weit über das Körperliche und den reinen Infoaustausch hinausgeht – spüren wir sehr viel von den Anderen. Wir spüren, ob sie uns wohlgesonnen sind. Spüren, ob sie aufmerksam sind und in Resonanz gehen mit dem was wir sagen, singen oder musizieren.
Verfeinern wir unsere Wahrnehmung immer mehr, wird dieser dritte Raum nach und nach konkreter und wir können ihn ausfüllen mit dem, was wir zu geben haben.

Vom Innen zum Außen

Genau wie wir einen Konzertsaal mit 2000 Menschen füllen können. Mit unserer Stimme, mit den feinsten Tönen, sogar mit der Stille. Und auch in dieser Situation betreten wir den großen Raum durch unseren eigenen inneren Raum.

Und egal ob wir eine Wagner-Arie singen oder ein Schlaflied für unsere Kinder, eine Musicalnummer mit viel Show und Gedöns oder ein Wanderlied mit Freunden in der freien Natur. Es beginnt mit diesem inneren Kontakt. Mit einem klitzekleinen inneren Funken, der sich in seiner Qualität nicht verändert, egal, wie groß der Raum ist, den wir damit füllen möchten. Nehmen wir die Abkürzung direkt zum äußeren Raum – also ohne uns innerlich mit uns selbst verbunden zu haben – verpassen wir die Chance, den anderen Menschen (und auch der Musik) wirklich in der Tiefe zu begegnen.

Klar, nicht jeder Mensch ist es gewohnt, große Säle zu füllen, den ganz großen Raum für sich zu beanspruchen oder für andere zu halten. Das dürfen wir immer wieder üben und uns nach und nach immer weiter ausdehnen.

Das ist aufregend. Das ist herausfordernd und das ist – wenn man sich denn mal wirklich traut – unfassbar lustvoll.

Taucheranzug als Raumübung

Eine dieser Raum-Übungen, auf einer sehr greifbaren Ebene, ist für mich meine geliebte Taucheranzug-Übung (übrigens seit letzter Woche nochmal in einer neuen Variation auf meinem Youtube-Kanal). Die äußere Hülle als Grenze zwischen Innen und Außen. Als Verbindung zwischen Innen und Außen. Als Schwelle, als Tor. Zunächst konkret körperlich und mit zunehmender Übungspraxis immer feiner.

Wie groß kann ich werden? Wie weit kann ich mich in mir und mit meiner Stimme ausdehnen? Hört meine Wahrnehmung an meinen Körpergrenzen auf? Fülle ich den Raum, in dem ich mich befinde ganz und gar? Kann ich mich im Laufe der Zeit sogar weit „über mich hinaus“ ausdehnen?

Denn Stimme ist so viel mehr, als „nur“ der hörbare Klang im Außen. Stimme reicht weit über mich hinaus. Der Klang und auch das, was ich zu sagen habe, schwingt auf viel feineren Ebenen durch die Welt hindurch, als uns das oft im Alltag bewusst ist. Und die Welt geht nicht nur applaudierend, mitsummend oder tanzenden Fußes damit in Resonanz. Sondern auch auf sehr feine Art und Weise.

Resonanz

Manchmal kommt diese Resonanz wie ein unklares Rauschen zu uns zurück, aus dem wir erst noch die Botschaft herausfiltern müssen. Und manchmal ist sie ganz klar, wenn wir offenen Ohres hineinlauschen in diesen unendlichen Raum.

Und nun komme ich auf die Ausgangsfrage zurück.

Ja, es macht einen Unterschied, ob 300 oder 2000 Menschen meinen Newsletter lesen. Vor einem Jahr hätte ich das vermutlich nicht so behaupten können, weil ich noch gar nicht in der Lage war, den großen Raum wirklich wahrzunehmen. (Und vielleicht auch, weil ich da noch keine 2000 Leute in meinem Verteiler hatte, hihi ;-))

Aber jetzt ist es anders. Ich spüre so viel Resonanz. Es erreichen mich so viele Emails. Viele Menschen schauen sich die Videos auf meinem Youtube-Kanal an. Menschen tauschen sich über das aus, was sie bei mir entdeckt haben. Ganz ohne meine aktives Zutun. Menschen empfehlen meine Blogartikel weiter und – das bilde ich mir zumindest ein – ich spüre jeden Einzelnen von euch. Wie, als würde ich in einem großen Konzerthaus singen, in dem jeder von euch seinen Sitz- oder Stehplatz eingenommen hat.

No risk – no fun

Und klar, auch wenn ich schon in echt großen Hallen gesungen habe, da geht mir manchmal ganz schön der A*** auf Grundeis. Sichtbar sein ist immer ein Risiko. Seine Meinung sagen, einen Standpunkt einnehmen, seine Stimme erheben, sich zeigen ist gefährlich. Immer gibt es Menschen, die anderer Meinung oder neidisch sind, es einem nicht gönnen, den eigenen Raum immer mehr zu vergrößern und zu füllen oder schlicht die volle Größe des Raumes nicht aushalten können.

Aber wenn ich es schaffe, die Tür über meinen eigenen inneren Raum zu nehmen, bin ich in Sicherheit. Dann ist es mir eine Freude, den großen Raum zu füllen.

Und ich bin dankbar für jeden einzelnen Mensch, der mitschwingt mit dem, was ich zu sagen habe. Jeden einzelnen, der Lust hat sich inspirieren zu lassen. Jeden Einzelnen, der sich die Zeit nimmt, meine STIMMSINN – Gedanken zu lesen und damit seine eigenen Gedanken ein bisschen durcheinander zu wirbeln.

Ich freue mich über jeden, der durch meine Anstöße den Mut fasst, sich selber auf den Weg zu machen und seine eigene Stimme zu suchen.

Schön, dass Du da bist!

Anna

P.S. Hast Du Lust auf mehr STIMMSINN? Dann ist vielleicht mein 12wöchiger Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ etwas für Dich. Die neue Gruppe startet am 16.04.2021

Richtig oder falsch

Wer mich kennt, weiß, dass ich mit den Begriffen richtig und falsch auf Kriegsfuß stehe. Das habe ich gefühlt in jedem zweiten meiner Blogartikel erwähnt. Heute morgen habe ich mich endlich mal wieder aufgerafft und bin Tanzen gegangen. Sprich, ich habe meinen Laptop eingepackt und bin ins STIMMSINN gefahren, wo ich viel Platz zum Bewegen habe und habe dort an einer Nia*-Zoomstunde teilgenommen. Und es tat so gut und hat mir bezüglich meines „Richtig und Falsch“ – Themas nochmal richtig Futter gegeben. Aber eins nach dem anderen.

Fehlerfrei schreiben

Mein Sohn lernt gerade Schreiben und Lesen. Er ist in der ersten Klasse und wie viele Kinder in Deutschland lernt er es mit der Methode „Schreib wie Du es hörst!“.
Sprich, schon sehr früh fangen die Kinder an ganze Sätze zu schreiben, sogar kleine Geschichten. Mit Wörtern, die sie in ihrem eigenen Sprachwortschatz finden, von denen sie aber keinen blassen Schimmer haben, wie man sie „richtig“ schreibt. Die Eltern sind explizit angehalten, die Kinder so wenig wie möglich beim Schreiben zu korrigieren.

Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal von dieser Methode hörte, war ich bestürzt. Oh Gott, dachte ich, wie soll das gehen? Wie soll man da jemals fehlerfrei schreiben lernen? Als die Lehrerin letzten Sommer bei der Einschulung sagt, dass unsere Kinder nach dieser Methode lernen würden, musste ich erstmal tief durchatmen.

Wie geht es richtig?

Aber dann vor ein paar Wochen hatte ich ein spannendes Erlebnis. Unsere keineswegs zimperliche und gleichzeitig herzensgute Kinderfrau (71 Jahre, wir lieben sie heiß und innig und nennen sie manchmal liebevoll den „General“) sollte mit meinem sechsjährigen Sohn noch eine Homeschoolingaufgabe am Nachmittag machen. Als ich vom Einkaufen wiederkam, saßen die beiden am Schreibtisch und stritten sich lautstark: „Nein, das schreibt man so!!! Guckmal, k-l-e-tt-e-r-n!!! Mit zwei tt. Neee….“ Mein Sohn war den Tränen nah und völlig verwirrt. Er hat insgesamt eine sehr niedrige Frustrationstoleranz und ihn auf Fehler hinzuweisen bringt ihn sofort in Not. Wie ein störrischer Esel bewegt er sich dann weder vor noch zurück.

Knietief im Sumpf der Bewertungen

Ich habe unserer Kinderfrau dann erklärt, dass er in der Schule schreiben darf, wie er mag. Auch schwierige und lange Wörter. Sie war verwundert. Ein spannendes Gespräch entstand.

Ich erzählte ihr von meiner Arbeit und vom spielerischen Singenlernen – was im Endeffekt ja auch nichts anderes ist als Schreibenlernen – übers Experimentieren und Spüren.

In der Blitz-Erkenntnis, dass ich in meiner Arbeit ja ganz genau und sehr bewusst diesen Weg wähle und nicht die dualistische Welt von „richtig oder falsch“, konnte ich zum ersten Mal – nicht nur in meinem Kopf, sondern ganz und gar – verstehen, warum es sinnvoll ist, dass mein Sohn auf diese Weise Schreiben lernt. Und gleichzeitig wurde uns – dem General und mir – klar, wie tief die Strukturen von „richtig oder falsch“ in uns verankert sind. Egal wie offen und neugierig wir durch die Welt gehen, wir sind so sehr geprägt von einer Fehlerkultur, die alles betraft, was nicht der Norm entspricht. Unglaublich.

Ich tue, was ich (noch) nicht kann

Mein Sohn schreibt fröhlich schwierige Wörter ohne Angst. Und da wird es interessant. Er tut Dinge, die er eigentlich noch gar nicht kann. Weil ihm niemand gesagt hat, dass er erst lernen muss wie es richtig geht, bevor er es tun darf.

Dieses war der zweite Gedanke, der mir in dem Moment erst wirklich klar wurde. In so vielen Bereichen unserer Welt gibt es das unausgesprochene Gesetz, dass wir Dinge nur tun dürfen, wenn wir sie können. Wir dürfen erst unsere eigenen Geschichten schreiben, wenn wir wissen, wie man die Wörter richtig schreibt. Wir dürfen uns erst ausdrücken – ganz egal mit welchem Medium – wenn wir das Handwerkszeug beherrschen.

Und beim Singen steht uns dieses Gesetz sowas von im Weg!

Ich treffe auch schon die Töne

Vor einiger Zeit schrieb mir eine Dame eine Email mit der Anfrage für Einzelunterricht:

Insgesamt hatte ich ca. halbes Jahr Gesangsunterricht, (…) kaufte mir selber eine Stimmgabel und traf das A auch schon relativ zuverlässig. Meine Gesagsstunden sahen immer so aus: meine Lehrerin (…) saß am Klavier und wir „erarbeiteten“ uns Töne – ich kam auch schon relativ weit auf der Tonleiter 😉
Nun (…) suche [ich] wieder eine Gesangslehrerin, denn ich möchte das, was ich in einem halben Jahr erreichte, nicht wieder verlieren – es bedeutete auch Mut für mich, da ich weiß, dass ich die Töne idR nicht treffe. Alleine traue ich mich wieder nicht zu singen (…)“

Es bricht mir das Herz, wenn ich sowas lese.

TU ES!

Wir dürfen Dinge tun, die wir (noch) nicht können.

Unbedingt!

Wenn sie uns Freude machen, dann sollten wir das sogar ganz dringend tun!

Wie sehr beschneiden wir uns in unserem Ausdruck, in unserer Kreativität, in unserer Lebensfreude, wenn wir uns immer abhängig davon machen, ob wir etwas richtig machen. Nicht nur verlieren wir unseren ganz eigenen Zugang zur Sache. Wir sind auch immerzu von der Rückmeldung von Außen abhängig, die uns durch eine positive Bewertung die „Tat-Erlaubnis“ gibt. Wir nehmen uns die Chance, ein Gespür dafür zu entwickeln, was uns selber gut tut, was uns weiterbringt, was der nächste Schritt auf unserem Lernweg ist, wo unsere Freude und damit unser stärkster Lernmotor schlechthin liegt.

Tanzt um euer Leben!

Und da möchte ich noch einmal auf meine Nia-Tanzstunde von heute früh zurückkommen. Ich habe mein Leben lang getanzt und ich habe mich dabei sehr viel in der „richtig oder falsch“ – Welt (u.a. klassisches Ballett) bewegt. Aber bei Nia gibt es kein richtig oder falsch. Ja, es gibt eine Choreographie. Ja, man versucht als Teilnehmer*in diese Choreographie mitzutanzen. Aber es gibt überhaupt keinen Anspruch, dass man es richtig macht. Um es genauer zu sagen: Es gibt gar keinen Maßstab für das Richtigmachen. Es geht um die Freude am Tun und das Ausloten der Möglichkeiten. Die Kursleiterin gibt viele Impulse in der Stunde. „Spür Deine Vorderseite, wie willst Du Deine Arme bewegen, geh durch die verschiedenen Ebenen – Oben, Unten, Mitte, ich möchte euer Strahlen sehen, kleine oder große Bewegungen, was ist jetzt gerade für Dich richtig?“

Es geht immer um Möglichkeiten

Es geht um die Erfahrung. Das Erlebnis. Und das Ausloten der eigenen Möglichkeiten.
Und vielleicht ist das der wesentliche Unterschied zur „Richtig oder Falsch“-Welt, egal in welchem Zusammenhang. Im Vordergrund steht nicht ein Ideal. Ein Ziel. Die eine allgemeingültige Wahrheit.
Es geht um Möglichkeiten, das Dazwischen. Und in allererster Linie darum, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern. Damit ich mich besser ausdrücken kann. Damit sich mein Vokabular erweitert, damit ich mehr Gespür für das bekomme, was ich da tue und immer feiner wahrnehme, wie die Zusammenhänge sind.

Aber es sind eben meine Zusammenhänge.

Beobachten und Regeln erfassen

Und damit komme ich zurück zum Schreibenlernen meines stolzen Erstklässlers. Er schreibt mit Freude, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er drückt sich aus. Gleichzeitig liest er. Er erkennt Wörter in anderen Zusammenhängen wieder. Sieht auf dem Küchenkalender, dass Mittwoch mit zwei tt geschrieben wird. Er lernt Regeln wie „ein Hund – zwei Hunde“ – ach so, dass wird dann mit d am Ende geschrieben. Sein kreativer Flow und sein Mut Geschichten zu erfinden, wird dadurch keineswegs gebremst.

Und so möchte ich es auch beim Singen lernen mit meinen Schülern handhaben. Jeder darf sich so ausdrücken, wie es seinem jetzigen Lernstand entsprechend geht. Ich als Lehrerin gebe Impulse, lenke die Wahrnehmung, ermutige, lasse Zusammenhänge deutlich werden und ja, bin auch Vorbild.

Ästhetische Regeln

Damit keine Missverständnisse entstehen. Ich bin keineswegs dafür, jegliche ästhetischen Regeln und Formen sofort abzuschaffen und alle Klangideale über den Haufen zu werfen. Überhaupt nicht. Sie sind wunderbare Spielmöglichkeiten und haben sich in den allermeisten Fällen nicht grundlos entwickelt. Aber sie sind für mich eben auch nur Möglichkeiten. Sie können Ziel, Ansporn und Spiegel für mich sein und ich selber erlebe es immer wieder als lustvoll, mich z.B. mit einem bestimmten Klangideal oder einer Songgattung forschend auseinanderzusetzen. Aber in dem Moment, wo sich dadurch meine Ausdrucksmöglichkeiten nicht erweitern, sondern ich mich eingeschränkt fühle, lasse ich die Regeln früher oder später wieder los. Ganz einfach.

Selber tun und Verständnis in der Tiefe erwerben

Ich bemühe mich stets darum, dass meine Schüler nicht blind irgendwelchen Regeln folgen, die von außen kommen. Ich biete Erlebnisse an und ermutige sie ihre eigenen Regeln zu finden und vor allem deren Sinnhaftigkeit in der Tiefe zu verstehen. Im Spannungsfeld von „Selber tun“ und „beobachten“ (genau wie beim Schreiben und Lesen) erarbeiten sich die Schüler*innen ihre eigenen Handlungsspielräume und erweitern diese nach und nach. Das ermöglicht ihnen, vom ersten Moment an, wirklich selber etwas zu kreieren. Nicht nur nachzubauen.

Klar, die Bauanleitung für die Lego-Raumstation ist wichtig und es erweitert das eigene Repertoire enorm, dieser Bauanleitung einmal Schritt für Schritt zu folgen. Aber wie erschaffe ich dann etwas völlig Neues? Wenn ich nun nicht die Raumstation sondern eine Unterwasserstation bauen möchte?

Ich persönlich bin jemand, der gerne die Dinge in der Tiefe versteht um dann selber daraus etwas zu erschaffen. Ich mag z.B. Socken stricken. Und ja, die ersten 10 Mal musste ich jedes Mal meine Mutter anrufen und nachfragen, wie das mit der Ferse nochmal ging. Mittlerweile habe ich das Prinzip verstanden und kann Socken nicht nur in Größe 39, sondern auch in Größe 27 oder 43 stricken. Ganz ohne Bauanleitung und wenn gewünscht auch geringelt.

Ich weiß nichts und tue es trotzdem

Etwas in der Tiefe zu verstehen und die Fähigkeit selber etwas zu Kreieren hängen dicht zusammen. Und doch ist es möglich und absolut erlaubt, auch kreativ zu sein, wenn man nicht nur nicht weiß, wie es „richtig“ geht, sondern schlicht gar nichts weiß.

Ja. Das ist erlaubt.

Mit jedem Schritt den ich gehe, komme ich ein Stückchen voran.

Mit jedem Tun lerne ich.

Ich tue es, also kann ich es!

Das nährt das eigene Selbstbewusstsein und den Mut für den nächsten Schritt und den nächsten und den nächsten. Die Schritte mögen sich unbeholfen und ungelenk anfühlen. Aber sie zwingen uns, wirklich unseren eigenen Weg zu finden und nach und nach kann unser Tanz geschmeidiger und runder werden.

Das ist einer der Gründe, warum ich so viel mit Improvisation arbeite. Oh nein, Improvisieren kann ich nicht! Klar kannst Du. Weil es kein richtig oder falsch gibt. Weil Du es einfach nur tun musst. Ein Schritt nach dem anderen. Ein Ton nach dem anderen.
Und schon singst Du. Ob Du es kannst oder nicht.

Es kann sich glücklich schätzen, wer Vorbilder hat, an denen er sich orientieren kann und von denen er auf seiner Reise begleitet wird. Und ab und an dürfen diese Vorbilder auch mal anmerken, dass man „die“ mit ie schreibt. Aber wehe darunter leidet die eigene Abenteuerlust. Dann sollte man sich schleunigst andere Reisegefährten suchen.

In diesem Sinne wünsche ich einen fröhlich ungelenken Tag!

Anna

*Nia ist übrigens eine Sportart, die verschiedene Aspekte aus Tanz, Kampfkunst, Tai-Chi, Yoga und Körper-Awareness miteinander verbindet und sehr viel Freude macht. Wenn Du gerne tanzt, solltest Du das unbedingt mal ausprobieren.

Innere Arbeit und Stimme

Ich habe mich immer schon gern mit mir selber beschäftigt. Als Kind habe ich es genossen allein in meinem Zimmer zu sitzen und in meinen Gedanken spazieren zu gehen. Mir Dinge auszudenken und innere Zusammenhänge zu erforschen. Diese Innenwelten waren für mich schon immer genauso real und vertraut, wie das, was um mich herum stattfand.

Als Teenager merkte ich dann, dass sich innerlich auch Dinge und Angelegenheiten „verknoten“ können. Und dass meine inneren Strukturen direkte Auswirkungen darauf haben, wie ich mit der Außenwelt in Kontakt gehe. Es faszinierte mich, dass ich durch die Aufmerksamkeit nach innen meine Gedanken und Gefühle erforschen und dadurch Dinge in Bewegung bringen konnte.

Irgendwann als Studentin fiel mir das Buch „Der Weg des Künstlers“ in die Hände und ich begann jeden Morgen meine Gedanken zu Papier zu bringen. Vor allem in den herausfordernden Zeiten meines Studentenlebens (so ein Musikstudium bringt einen doch ziemlich oft an die eigenen Grenzen) war mir das Schreiben ein wichtiges Werkzeug um mich innerlich immer wieder zusammenzupuzzlen, mir selbst Mut zuzusprechen, mich auf das Wesentliche zu besinnen und neu auszurichten.

Öffne Dein Herz und singe!

Durch einen Workshop mit dem Titel „Öffne Dein Herz und singe!“ bei Nicole Nagel schlug sich für mich dann erstmals die Brücke zur Stimmarbeit. Die Kombination aus Emotionsarbeit, Körperarbeit und tschechischer Gypsymusik ließ mich sehr eindrücklich spüren, wie direkt diese Aspekte miteinander verknüpft sind. Stimme war nicht mehr nur musikalisches Mittel und Ausdruck meiner Emotionen, sondern wurde auch zum „Kontaktinstrument“ zu mir selbst. Übers Tönen konnte ich meine Emotionen vertiefen. Eintauchen in mein eigenes Unterbewusstsein. Emotionen wurden plötzlich körperlich erlebbar und die wunderbare Musik öffnete mir einen tieferen Zugang zu mir selbst.

Stimmbildung ist Persönlichkeitsbildung

Innere Arbeit und Stimmarbeit sind für mich seitdem untrennbar verbunden. Stimmentwicklung ist Persönlichkeitsentwicklung. Und die Beschäftigung mit den eigenen „inneren Baustellen“ bringt auch immer die Stimme voran. Wie oft hatte ich schon das Gefühl, dass ich gerade „stimmlich nicht auf der Höhe“ war. Es lief nicht rund, war mühsam, die Geschmeidigkeit fehlte. Und dann verbrachte ich die ein oder andere Stunde mit meiner wunderbaren Lehrerin (Sängerin, Schauspielerin, Rolferin, Traumatherapeutin) und schwupps, war meine Stimme wieder da. In vielen Stunden redeten wir hauptsächlich, spürten viel nach Innen, erforschten den Körper (und ich heulte eine Menge ?) und am Ende war das Singen eine wahre Freude. Wie als wäre der Schleier, der vorher über der Stimme gelegen hatte, weggezogen. Alles konnte wieder in Resonanz gehen. Ich war wieder ganz und das zeigte sich auch in der Stimme.

Ebenen in Beziehung

Auch in meiner Ausbildung zum „natural voice – teacher“ (nach Renate Schulze-Schindler) und in der daraus erwachsenen Arbeitsweise mit meinen Schülern, spielt die Verknüpfung von Körperarbeit, innerer Arbeit und Stimme eine wichtige Rolle. Die Körperarbeit spiegelt unsere inneren Knackpunkte. Über die atemtypischen Körperübungen erleben wir innere Themen wie „Loslassen“, „Freiheit“ oder „Fokussierung“ ganz körperlich auf Muskel-, Faszien- und Gelenkebene. In den atemtypischen Massagen öffnet uns die Stimme den Weg zum Körper. Aus dem „Körper“ wird auf diese Weise nach und nach ein „Körper-Zuhause“.

Der Körper wird zum Gefäß für die inneren Bewegungen und Emotionen, die gefühlt und ausgedrückt werden möchten und für die vorher noch nicht ausreichend innerer Raum zur Verfügung stand. Der innere Fortschritt – das Gefühl immer wieder über sich hinaus zu wachsen und selbstbewusster zu werden – wirkt sich auf die Stimme aus. Die Stimme wiederum bringt die feinsten inneren Strukturen (körperlich und noch viel feiner) in Bewegung und ermöglicht uns den Zugang zu einem zutiefst erfüllenden Gefühl von Lebendigkeit. Alles steht in wechselseitiger Beziehung.

Lehrer oder Psychologe?

Im Gespräch mit Kolleg*innen ging es schon oft um die Frage: Wieviel Psychologe müssen wir als Gesangslehrer*in eigentlich sein? Inwieweit ist es unsere Aufgabe, unsere Schüler und Kursteilnehmer auch in ihrem inneren Wachstum zu unterstützen? Wie kann das gehen und wo bekomme ich als Gesangspädagoge mein Handwerkszeug her um das auch kompetent tun zu können? Wie können wir als Lehrer*innen einen sicheren Rahmen schaffen, in dem auch innere Themen angesprochen und bearbeitet werden können, ohne dass die Schüler*innen das Gefühl haben „therapiert“ zu werden? Welche Rolle spielt Körperarbeit dabei? Gibt es Stimmbildung ohne innere Arbeit?

Über diese Fragen streiten sich Gesangspädagogen immer wieder. Als Instrumentallehrer ist es etwas einfacher, sich von den inneren Prozessen der eigenen Schüler zu distanzieren. Das Instrument schafft einen gewissen Abstand und es scheint durchaus möglich, Musikunterricht am Instrument zu erteilen, ohne allzu viel innere Arbeit oder Körperarbeit zu tun. (Ob das sinnvoll ist und ob da nicht großes Entwicklungspotenzial verschenkt wird, sei mal dahingestellt.)

Stimme ist direkt

In der Arbeit mit der Stimme ist es schwieriger. Beim Singen sind wir das Instrument. Durch und durch. Und wenn unser Instrument verstimmt ist, nicht in Stimmung ist oder sich unfrei fühlt, werden wir auch so klingen. Der Kontakt von Person und Stimme ist ganz direkt. Und deswegen ist für mich persönlich ist ganz klar, dass stimmliche Entfaltung immer auch mit persönlicher Entfaltung einhergehen muss. Nicht alle Kollegen teilen da meine Ansicht. Es gibt durchaus die Ansicht, das innere Wachstum würde schon hinterherkommen, wenn erstmal die Technik läuft.

Und natürlich gibt es zwischen den zwei Extremen: „Ich bin Gesangslehrer*in. Wie Du Dich beim Singen und im Leben fühlst, geht mich nichts an.“ und „Alles Singen kommt von innen. Ich begleite Dich bei dem Prozess, Dir selber nah zu kommen und die Stimme wird folgen.“ mannigfaltige Abstufungen.

Jeder ist anders und braucht etwas anderes

Und jeder gute und einfühlsame Lehrer wird auch nicht jeden Schüler gleich behandeln. Der eine hat von allein einen guten Kontakt zu sich selbst und ihm fehlt eigentlich nur das Handwerkszeug, das was innen ist, im Außen hörbar zu machen. Die Andere hat vielleicht gar keinen Zugang zu sich selbst. Ist sich selbst, ihrem Körper und ihrer Stimme fremd und wundert sich, dass es in der Stimme starke Brüche, Anstrengung und Heiserkeit gibt.

Die eine geht permanent über ihre (stimmlichen) Grenzen, der andere traut sich auch im Leben nicht, seine eigene Stimme wirklich zu erheben und sich zu zeigen. Manchmal ist es sinnvoll dann die technischen Möglichkeiten zu erarbeiten sich auszudrücken um überhaupt ein Gespür dafür zu bekommen, wie es sein könnte, sich Gehör zu verschaffen. Und manchmal geht es darum, die eigenen Grenzen ganz allgemein erstmal wahrzunehmen und zu bemerken, dass es nicht nur beim Singen darum geht, die eigenen Ressourcen ökonomischer einzusetzen.

Den Werkzeugkoffer bestücken

Genau wie es auch auf der stimmtechnischen Seite viele verschiedene Ansätze gibt und ein Gesangslehrer individueller und flexibler unterrichten kann, je vielseitiger sein Werkzeugkoffer bestückt ist, so halte ich es für sinnvoll, wenn wir als Lehrer auch unsere Kenntnisse im Bereich Psychologie und innere Arbeit erweitern. Das ermöglicht uns, unsere Schüler wirklich dort abzuholen, wo sie sind. Und auch als Schüler, als Student, als Lernender macht es Sinn, nicht nur ein Repertoire an Gesangsübungen aufzubauen, sondern auch Handwerkszeug im Umgang mit sich selbst zu erwerben.

So wie mir als Studentin das Schreiben und später die atemtypischen Körperübungen die wichtigsten Tools zur Kontaktaufnahme mit mir selbst geworden sind, sollte jeder, der sich auf die Suche nach seiner eigenen Stimme macht, die Chance haben, auch seine eigenen Werkzeuge zu entdecken. Lehrer, Coaches, Meditation, Kurse, Bücher. Es gibt so viele Möglichkeiten der Inspiration. All diese Anregungen sind für die Stimmarbeit höchst wertvoll und der eigenen Entwicklung ohne Zweifel förderlich.

Tiefer

Schon seit einiger Zeit habe ich bemerkt, dass die Arbeit mit meinen Schülern und Kursteilnehmern immer tiefer geht. Das freut mich sehr, denn ich liebe es, in der Tiefe zu gründeln. Ganz egal in welchem Bereich. Ich genieße es, Räume zu öffnen, in denen Menschen sich selbst wirklich nah kommen und sich dann auch noch so sicher fühlen können, dass sie sich damit in einer Gruppe oder im Unterricht (stimmlich) zeigen können. In diesen Momenten bin ich selber sprachlos und zutiefst dankbar, dass mir offensichtlich dieses Talent geschenkt wurde, einen solchen Rahmen zu geben.

Am Anfang meiner Unterrichtstätigkeit war ich manchmal noch ängstlich. Kann ich das halten? Was soll ich tun oder sagen, wenn Menschen, die 20 Jahre älter sind als ich, plötzlich mit Emotionen konfrontiert werden, die sie sonst nur selten zulassen. Eine meiner Lehrerinnen sagte mir damals: „Mach Dir keine Sorgen. Du öffnest den Raum. Es wird sich nur das zeigen, was Du halten kannst.“ Das hat mir Mut gemacht, diesen Weg weiter zu verfolgen. Eigene Erfahrungen mit tiefgehender innerer Arbeit (u.a. SE (Somatic Experience) und ISP (Integrale Somatische Psychologie)) haben mich ermutigt, dass sich dieser Weg unbedingt lohnt und ich auch meinen Schülern immer mehr Zugang zu sich selbst ermöglichen möchte.

ISP (Integrale Somatische Psychologie)

Deswegen habe ich mich Anfang 2020 entschieden eine zusätzliche Ausbildung in ISP zu machen. Im Dezember ist diese Fortbildung nun endlich gestartet und wird sich über ein ganzes Jahr erstrecken. Frei übersetzt bedeutet ISP sowas wie „ganzheitliche, körperorientierte Psychologie“ und schon nach den ersten vier Ausbildungstagen weiß ich: Ich bin da sowas von goldrichtig! Nicht, weil ich umsatteln und nun rein therapeutisch arbeiten möchte. Nein, mein Zuhause ist die Arbeit mit den Stimmen und der Musik und das wird auch so bleiben.

Während der Fortbildung konnte ich feststellen, dass ich bereits intuitiv in ganz vielen Aspekten so mit den Menschen arbeite. Nun zusätzlich auch die wissenschaftlichen Hintergründe zu kennen und weitere Handlungsmöglichkeiten zu bekommen, fühlt sich wunderbar an.

Im Wesentlichen geht es im ISP um Emotionsarbeit. Unter Emotion verstehen wir dabei all das, was wir innerlich wahrnehmen, wenn wir mit der Welt in Kontakt gehen. Es sind alle Arten von inneren, körperlich wahrnehmbaren Bewegungen, die ausgelöst werden, weil wir bestimmte Dinge erleben. Es ist das, was die Welt mit uns macht.

Der innere Raum darf wachsen

Diese Emotionen wahrzunehmen, wirklich zu durchfühlen und nach und nach unsere Kapazität zu erweitern, diese auszuhalten und damit umzugehen, darum geht es. Ob es sich dabei um Emotionen handelt, die jetzt gerade mit der Situation, die wir erleben, zusammenhängen oder alte, nicht vollständig gefühlte Emotionen sind, die immer wieder Auswirkungen auf unser Leben haben, spielt dabei keine Rolle. Wir arbeiten immer im Jetzt. In diesem Moment. Und wir arbeiten mit dem, was sich allein durch unsere nach innen und auf den Körper gelenkte Aufmerksamkeit zeigt.

Vieles im ISP erinnert mich an die „natural voice“ – Arbeit, aber eben von ganz anderer Seite betrachtet. In den vergangenen Wochen konnte ich schon sehr beglückend mit meinen Schülern auf diese Weise arbeiten. Alle Arten von „Singängsten“ sind natürlich das naheliegendste, aber auch in der interpretatorischen Arbeit mit konkreten Songs und auch bei aktuellem Stress, der dem eigenen Singgenuss im Wege steht, konnte ich die ISP-Ideen anwenden. Wunderbar!

Schönheit von innen

Und am wunderbarsten ist es, dass die Stimmen so klar zeigen, wann wir mit uns selbst verbunden sind. Das war für mich in der Fortbildung fast befremdlich ?. Alle möglichen Therapeuten (Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Osteopathen) und Coaches sind Teilnehmer der Fortbildung. Und nie ging es ums Singen. Dabei erlebe ich es so eindrucksvoll mit meinen Schülern. Wenn wir uns selbst nah sind, ist das Singen schön. Klingt die Stimme schön. Oder besser gesagt: Es ist einfach völlig egal, wie es klingt. Es spielt keine Rolle. Die Stimme klingt, wie sie klingt und das ist wunderschön.

Wenn wir uns selbst nah sind und uns wirklich zeigen, können wir unsere Zuhörer berühren. Ganz egal, ob wir Profisänger sind und eine schwere Arie singen oder Anfänger und unser liebstes Weihnachtslied vortragen. Es geht um den Kontakt mit unserem inneren Wesenskern. Wenn wir dort mit der Stimme andocken können, macht das glücklich. Alle Beteiligten.

STIMMSINN kann auch Spaß machen ?

Nun soll keineswegs der Eindruck entstehen, dass es in meinem Unterricht oder in meinen Kursen immer nur ernst und tief zugeht und wir permanent Probleme wälzen, Emotionen heraufbeschwören oder weinen. Wir suchen auch nicht permanent nach Problemlösungen und analysieren uns selbst. Überhaupt nicht. Das werden alle meine Schüler*innen bestätigen. Ich arbeite sehr spielerisch. Im Spiel zeigt sich der Mensch. Wir lachen viel. Vor allem auch über uns selbst. Manchmal lachen und weinen wir gleichzeitig. Aber alles in allem gibt es immer genug Raum für Dinge, die durchfühlt und gesehen werden möchten. Und ganz selten arbeiten wir nur im Kopf. Immer gehört das Verkörpern des Erlebten dazu, steht sogar mehr im Fokus als das rationale Verstehen. Das ist mir ganz wichtig.

Stimme ist mehr

Als ich im Januar 2020 meinen Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ herausgebracht habe, war mir klar, dass es in diesem Kurs nicht nur um reine Stimmübungen gehen sollte. Dafür gibt es meinen Youtubekanal und überhaupt gibt es da genug Material von großartigen Kolleg*innen.  Ich habe mir gewünscht, die Menschen wirklich auf die Reise zu ihrer eigenen Stimme mitzunehmen. Und dazu gehört für mich eben die Verbindung von Körperarbeit, Stimmarbeit und innerer Arbeit. Dazu kommt noch das Anknüpfen an unsere eigene innere Musik, unsere eigenen Rhythmen und unseren eigenen inneren Klang. So ergaben sich schnell die drei Themenbereiche:

1. Atem-, Stimm- und Körperarbeit

2. Musik in mir

3. Kopfgekreisel.

Alle drei Bereiche greifen ineinander und bedingen sich gegenseitig.

Das ist für mich – auch wenn schon damals 2008, als ich meine Examensarbeit mit eben diesem Titel „Stimme ist mehr…“ geschrieben habe, mein Professor mich vor dem Begriff warnte, weil er einfach zu abgegriffen ist – wirklich ganzheitliche Stimmbildung. Stimmbildung die alle Ebenen menschlichen Seins einbezieht. Die den Menschen mithilfe aller und auf allen Ebenen bildet. Die tief geht und Freude macht und die insgesamt sehr viel mehr ist, als die Summe der Einzelteile.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes neues Jahr und viel Neugier auf das eigene Innenleben!

Anna

P.S. Mein Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ startet wieder im September.

Was der Mensch braucht

Die Frage, was der Mensch eigentlich wirklich braucht, treibt mich um. Klar, ich bin Musikerin. Künstlerin. Es ist unser Job, uns mit den Dingen zu befassen, die über das, was man kaufen kann, hinausgehen. Es ist unsere Aufgabe, die menschlichen Bedürfnisse aufzudecken, die unter der Oberfläche liegen. Dafür ist Kunst da. Wir Künstler*innen öffnen und halten Räume, die andere Menschen alleine meist gar nicht sehen oder zumindest nicht allein betreten können. Wir ermöglichen unseren Konzertbesuchern, den Hörern unserer Musik, aber auch denen, mit denen wir musikpädagogisch arbeiten, jetzt hier und in diesem Augenblick mit ihren eigenen inneren Welten in Kontakt zu treten.

Picknickplätze

Im Jahr 2018 hatte ich mir einen Kalender mit weisen Zitaten zugelegt. Jeden Tag ein Sprüchlein. Die meisten habe ich längst vergessen, aber ein Zitat des bildenden Künstlers François Morellet begleitet mich seit dem 18.Juni 2018 quasi täglich.

Kunstwerke sind Picknickplätze, wo man das verzehrt, was man selber mitgebracht hat.“

Musikstücke, Konzerte, Theateraufführungen, Chorproben, Gesangstunden sind solche Picknickplätze, wo wir die Gelegenheit haben, uns selber zu spüren. Uns berühren zu lassen, unsere Seele zu nähren und aufzutanken. Musik und Klang öffnen Welten, die uns in unserem echten, blanken Menschsein, zum Vorschein bringen. Eine Melodie bringt uns in Verbindung mit einer Sehnsucht, die wir nicht in Worte fassen können. Ein Lied kann uns – wie ein guter Freund – Spiegel sein und uns Trost, Mut oder ein herzhaftes Lachen schenken.

All das sind Dinge, die für uns als menschliche Wesen überlebenswichtig sind. Und das meine ich ganz wortwörtlich.

Leben kann man nicht kaufen

Ich kann mir mein Leben weder bei amazon bestellen noch im h&m auf der Fußgängerzone kaufen. Lebendigkeit passiert in mir und im Zusammentreffen mit anderen menschlichen Wesen. Ohne Freude, Zusammengehörigkeitsgefühl und Kontakt ist mein Leben sinnlos oder zumindest – wenn es nur vorübergehend ist – extrem fade.

Klar, Kunst aus der Konserve ist besser als nichts. Sich zuhause Musik anzuhören, sich auf Youtube ein aufgezeichnetes Livekonzert oder einen guten Film anzuschauen, ist schon viel Wert. Und es überbrückt eine Weile, wenn alles andere gerade nicht möglich ist. Aber es ist nicht das gleiche. Keine Zoomprobe der Welt kann den gemeinsamen Klang einer Chorprobe, geschweige denn eines Konzertes, ersetzen.

Was die Menschen brauchen

Nach den Entbehrungen und Kompromissen der letzten Monate sind die Menschen hungrig. Sehr hungrig. Hungrig nach Berührung, hungrig nach Austausch, hungrig nach echter Begegnung. Ich erlebe das aktuell täglich in meinem Unterricht.

Da ist Silke*, die als Lehrerin in der Schulleitung tätig ist und sich wirklich den A… abarbeitet. Durch die neuen Maßnahmen ist ihr vorerst alles gestrichen, was sie sonst zum Auftanken nutzt. Essen gehen mit Freunden, Konzerte und die Proben mit ihrem Frauenquartett.

Oder Ulrike*, mit der ich seit 3 Jahren vorwiegend evangelische Kirchenlieder singe und die mir in der letzten Stunde sagte: „Unseren Kirchenchor gibt es nicht mehr so richtig. In der Kirche sitzen wir mit drei Meter Abstand und alle mit Maske und singen darf man eh nicht… da geh ich gar nicht mehr hin. Zum Glück kann ich noch zu Dir kommen.“

Oder Monika* (alle Namen geändert), die mit schweren Vorerkrankungen in Frührente ist und deren ein und alles eigentlich die Proben ihrer Amateur-Musicalgruppe (natürlich mit Hygienekonzept) sind. „Wie gut, dass Du da bist, Anna.“

Diese Geschichten berühren mich sehr und mir stand in den vergangenen Wochen mehr als einmal das Wasser in den Augen. Und als dann auch noch die Nachricht kam, dass nun wieder alles geschlossen wird, war meine erste spontane Reaktion: „Ich kann den Laden nicht zumachen. Das geht gar nicht.“

Verantwortung

Und ich hatte sofort die Worte einer lieben Kollegin aus dem Kreis der natural voice – teacher im Ohr, die ich Ende September für einen Austausch getroffen hatte: „Ja klar haben wir eine Verantwortung in Bezug auf Corona und natürlich ist es wichtig, dass wir uns an die Maßnahmen halten und nicht einfach alles machen wie zuvor. Aber wir haben auch eine Verantwortung für unsere Arbeit. Eine Verantwortung, dass unsere Arbeit, die Menschen erreicht, die sie jetzt – ganz besonders jetzt – brauchen.“

Und ich kenne viele wunderbare Kollegen und Kolleginnen (Musiker*innen, Musikpädagog*innen, Chorleiter*innen u.v.m.), die sich dessen voll und ganz bewusst sind. Und die dieser Verantwortung jetzt gerade – nicht nur weil das ihr Job ist und sie damit normalerweise ihren Lebensunterhalt verdienen würden und sie sich derzeit existentiell bedroht fühlen – sehr gerne nachkommen würden.

Ganz ehrlich

Menschen brauchen mehr als einen sicheren Job und genügend Klopapier. Was hilft es uns, wenn „die Wirtschaft“ geschützt wird und die Menschen langsam aber sicher innerlich vor die Hunde gehen?

Auch wenn ich als unterrichtende Künstlerin in nicht unwesentlichem Ausmaß finanziell betroffen bin und mir auch das ein oder andere Mal der Popo auf Grundeis geht – ich scheiße auf die Frage, ob Kunst nun systemrelevant ist oder nicht. Ein System, das vor allem darauf aufbaut, dass wir Menschen fleißig Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen, kann mir mal den Buckel runterrutschen.

Was für mich zählt, ist der Mensch und die Menschenrelevanz. Und dazu gehört völlig ohne Frage die Rücksichtnahme in der aktuellen Situation. Aber ich finde es ist dringendst an der Zeit, dass wir uns fragen, was wir als Menschen (z.B. für unsere Gesundheit auf allen Ebenen – geistig, körperlich, seelisch) denn wirklich brauchen. Und gerade weil es so vielen da draußen schwer fällt, das überhaupt zu spüren, brauchen wir die Künste und die Künstler, die uns Wegweiser sind und den Finger in die Wunde legen und uns helfen, uns selber wieder zu spüren.

Am eigenen Leib

Vor zwei Wochen – als ich noch keine blasse Ahnung hatte, dass wir auf einen neuen Lockdown zusteuern – habe ich mir abends den Film „The Blues Brothers“ angeschaut. Abgesehen davon, dass ich die Musik abgöttisch liebe und es einfach toll war, am kinderfreien Abend mal wieder einen Film zu schauen, fand ich es ungeheuer spannend zu spüren, wie die Coronasituation der vergangenen Monate mich ganz anders auf das Filmgeschehen blicken lies.

Menschen, die sich die Hand geben, sich in den Armen liegen… Ich hätte nie gedacht, dass sich das in mir mal seltsam anfühlen könnte. Und am allermeisten hat mich die Konzertsituation gegen Ende berührt. „Everybody needs somebody to love“.

Miteinander begeistert sein

Menschen – viele Menschen – die wie gebannt auf die Bühne blicken, sich mitreißen lassen und irgendwann völlig ausflippen. Tanzen, Lachen, Singen. Miteinander begeistert sind. In der Stimmung dieses gemeinsamen Erlebnisses baden.

Am liebsten wollte ich aufspringen und mitmachen. Ganz egal ob auf der Bühne oder im Publikum. Und ich konnte es geradezu körperlich spüren, wie sehr das alles gerade fehlt. Nicht nur meinen Schülern. Und mir. Sondern auch allen anderen da draußen.

Nicht miteinander ausgelassen und gemeinsam begeistert sein können. Ganz egal ob im Konzert, im eigenen Chor, beim Tanzen, auf einer Feier oder im Fußballstadion. Ich konnte spüren, wie kraftvoll das alles und wie tief das menschliche Bedürfnis danach ist.

Katalysator

Die Musik und diesen großartigen Film als Katalysator zu nutzen, um diese Sehnsucht zu spüren und den Schmerz zu erlauben – das war unglaublich befreiend. Ganz ohne Jammerei, Schuldzuweisungen und Hadern mit der Situation. Einfach nur hinspüren, sich dem stellen und die Lücke und den Schmerz wahrnehmen und ein bisschen weinen…

Ich bin davon überzeugt, dass viele viele Menschen weniger Angst haben müssten, weniger aggressiv oder nörgelig wären, wenn wir diesem Schmerz mal ins Auge schauen würden.

Sich berühren lassen

Und unter der Traurigkeit liegt die Lebendigkeit. Zu spüren, wie stark sie ist, tut so gut.

Ich kann es euch (allen Schüler*innen, Chorsänger*innen, allen Künstlerkolleg*innen und überhaupt allen Menschen) nur empfehlen. Stellt euch dem Vermissen. Erlaubt die Traurigkeit.

Traurigkeit darüber, dass wir gerade in unseren elementaren menschlichen Bedürfnissen eingeschränkt sind. Traurigkeit darüber, dass wir gerade nicht ins Theater gehen können. Keine Konzerte besuchen und nicht zur wöchentlichen Chorprobe gehen können.

Spürt den körperlichen Schmerz, nehmt die Situation an, wie sie ist, ohne zu hadern. Und dann spürt die Kraft, die darunter liegt und nutzt sie, um das Beste draus zu machen. Um zu lernen, was es jetzt gerade zu lernen gibt. Euch zu erinnern, was euch wichtig ist und was ihr jetzt gerade wirklich, wirklich braucht. Eure menschlichste, verletztlichste Seite zu spüren. Und wenn ihr mögt, lasst euch von den Künsten – Musik, Malerei, Tanz, was auch immer – an die Hand nehmen. Schmeißt euch eure Lieblingsmusik rein und tanzt und feiert.

Sucht euch eure Picknickplätze. Sucht euch die Menschen, die Künstler*innen, die Lehrer*innen, die auch helfen können, das Jetzt-und-Hier und euch selber (wieder) zu spüren und lasst euch von ihnen inspirieren.

Meine geschätzten Kolleg*innen und ich setzen alles daran, auch in der aktuellen Situation, wo immer es irgend möglich scheint, Räume zu öffnen und Orte der (Selbst-)begegnung zu schaffen, die uns mit unserer Lebendigkeit rückverbinden und uns nähren. Wirklich nähren.

Wie die kleine Maus Frederik, die den ganzen Sommer über Farben und Geschichten gesammelt hat, von denen dann alle Mäuse im Winter zehren.

Dafür sind wir Künstler da. Dafür ist die Kunst da. Für die Menschen. Fürs Mensch-Sein. Und darum geht es. Gerade jetzt!

Alles Liebe wünscht,

Anna Stijohann

STIMMSINN-Online – Ein Erfahrungsbericht

Als ich 2016 meinen ersten Blogbeitrag veröffentlichte, hätte ich jedem einen Vogel gezeigt, der behauptet hätte, dass Mitte 2020 drei Viertel meiner Arbeit online bzw. über indirekten digitalen Kontakt mit meinen Schülern stattfinden würde. Einzel- und Gruppenunterricht über ZOOM, ein Onlinekurs und ein YouTube-Kanal, der u.a. von Hochschulprofessoren in Zeiten virtuellen Fachdidaktikunterrichts als besonders vorbildlich empfohlen wird – das letzte halbe Jahr war eine ziemliche Achterbahnfahrt – wunderschön, total ätzend, herausfordernd, leichter als gedacht, überraschend – und diese Erfahrungen möchte ich mit euch teilen.

STIMMSINN-Gedanken – Erste Schritte online

Anfang 2016 veröffentlichte ich meine allerersten Blogbeiträge. Ich hatte das dringende Bedürfnis meine Gedanken und Erfahrungen rund um meine Arbeit mit mehr Menschen zu teilen, als nur mit denjenigen, denen ich regelmäßig von Angesicht zu Angesicht begegnete. Die Rückmeldungen kamen prompt und plötzlich hatte mein pädagogisches Wirken eine neue Dimension. Menschen, denen ich nie zuvor begegnet war, schrieben mir Emails, dass sie meine Ideen für ihren Unterricht oder für ihr eigenes Singen benutzten. Das war der Beginn meiner „Fernwirkungs“-Arbeit.

Singen lernen über Youtube – Wie kann das gehen?

Nun war ich „lesbar“. Immer und überall. Bis ich mit meinem Youtube-Kanal auch „sichtbar“ werden sollte, dauerte es aber noch eine ganze Weile. Zu schwierig erschien es mir Gesangstutorials und Übungsvideos zu gestalten, die für jeden sinnvoll und gleichzeitig nicht völlig oberflächlich daher kamen.
Doch dann begegnete mir das Onlineprogramm „Sing with freedom“ von Per Bristow. In vier einfachen Lektionen geht es um einen mühelosen Zugang zur Stimme und das auf eine Art und Weise, bei der man absolut nichts falsch machen kann, weil es im Wesentlichen um die Schulung der Selbstwahrnehmung geht. Mir wurde klar, dass das genau die Art und Weise ist, wie ich sowieso schon unterrichte und so startete ich im Dezember 2018 den ersten STIMMSINN-Adventskalender. Noch nicht öffentlich für alle, sondern nur mit vorheriger Anmeldung, konnte man in 24 kleinen Übungsvideos meine Lieblingsstimmbildungsübungen kennenlernen.

Die Menschen erreichen

Die Resonanz war umwerfend. Von überall her kamen Emails mit Rückmeldungen und die Links für die „Türchen“ wurden an den Freund, die Kollegin, den Bruder in Übersee oder sogar den ganzen Chor weitergeleitet. Die Erkenntnis:
Singen lernen ohne direkten Kontakt. Es funktioniert!

Jede Woche veröffentlichte ich von da an eines meiner Übungsvideos auf YouTube. Mittlerweile haben knapp 650 Menschen meinen Kanal abonniert und manche Videos wurden über 2000mal angeschaut. Regelmäßig bekomme ich Rückmeldungen wie diese hier:

(…) welch wunderbare Übungen Du präsentierst, ich habe mir fast alle schon angesehen. Endlich jemand, der meine Lücke füllt. Vor vielen Jahren hatte ich mal Gesangsunterricht, so lustig wie in Deinen Lektionen war da nichts. Ich habe dann drei Jahrzehnte nicht mehr gesungen und vermisse es nun und es klappt nichts mehr so, wie ich es gern hätte. Ich versuchte noch einmal Gesangsunterricht und brach es ab, es gab mir nicht, was ich suchte. Hier habe ich ganz viel gefunden. Sehr nachvollziehbar, ich kann mich spüren dabei. Herzlichen Dank dafür, ich werde immer wieder reinschauen.“

(…) ich möchte dir nur zurückmelden, dass ich deine Videos dankbar anschaue und sehr froh bin, die Möglichkeit zu haben, meine erst vor kurzem entdeckte Singstimme damit vorsichtig wachsen zu lassen, um im Chor nicht so völlig naiv aufzufallen.
Vielen lieben Dank!“

Stimme ist mehr…“ – Der Onlinekurs

Ende 2019 dann die Entscheidung. Ich werde einen eigenen Onlinekurs herausbringen. Ich möchte die Menschen kennenlernen, die meine Videos anschauen. Ich möchte mit ihnen interagieren und ihnen die Möglichkeit geben, sich mit mir auszutauschen. Ich möchte der Welt mein Wissen nicht mehr ausschließlich gratis zur Verfügung stellen, sondern mich wirklich intensiv engangieren und dafür dann auch bezahlt werden.

Die positiven Rückmeldungen bestärkten mich, dass meine Art des Unterrichtens auch über die Distanz wunderbar funktioniert und ergänzt durch den Austausch mit mir und anderen gleichgesinnten Teilnehmer*innen sollte daraus ein 3-monatiger Onlinekurs werden. Wie das gehen könnte, klärte sich nach und nach.

Das Abenteuer beginnt

Ich hatte in anderem Kontext erste Begegnungen über ZOOM, mein Mann (Webentwickler) hatte andere Kunden für die er digitale Produkte aufsetzte und ich schaute mir mit großer Begeisterung freie Videos im Internet zum Thema „Onlinekurse aufbauen“ an. Ich hatte Feuer gefangen und dann ging alles ziemlich schnell. Die Leidenschaft meiner Kindheit – für andere Menschen Bastelanleitungen zu entwerfen und zu verkaufen (damals 2 Mark im Monatsabo ;-)) – flammte wieder auf und so erstellte ich meinen Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ und konnte ihn im Rahmen des STIMMSINN-Adventskalenders 2019 vorstellen und bewerben. Hui, wie aufregend! Im Januar 2020 startete ich mit den ersten elf Teilnehmerinnen (aus ganz Deutschland, Österreich und Italien) auf eine Reise zu ihrer eigenen Stimme und für mich selbst auf zu unbekannten Ufern.

Und dann kam Corona

Mitten in der ersten Runde von „Stimme ist mehr…“ veränderte sich plötzlich alles. Das Coronavirus tauchte auf und das komplette gesellschaftliche Leben wurde plötzlich eingefroren. Ich erinnere mich noch sehr gut an die neunte Kurslektion zum Thema “Stille“. Wie passend, wie berührend, wie intensiv. Plötzlich probte keine der Teilnehmerinnen mehr mit ihren Chören, kein Gesangsunterricht, keine Bandproben. Nur der STIMMSINN-Onlinekurs. Plötzlich war der Kontakt über ZOOM wichtig. Essentiell. Die wöchentlichen Treffen für einige von uns die einzige persönliche Begegnung mit anderen Menschen. Das hat mich zutiefst bewegt und meinen Blick auf die Onlinearbeit komplett verändert.

Begegnung in Zeiten von Social Distancing

Nachdem ich mir vorher immer wieder Gedanken darüber gemacht hatte, ob und wie es möglich sein könnte, über Onlinearbeit ein wirkliches Gruppengefühl aufzubauen, war es mir plötzlich klar. Es geht um den Kontakt. Und dieser Kontakt entsteht, wenn jeder mit sich selber, mit seinem Wesen, seinen Sehnsüchten und Fragen in Berührung kommt. Die Inhalte des Kurses hatten in Kombination mit der Lockdown-Situation genau das ermöglicht. Ein Begegnungsraum war entstanden. Virtuell und doch ganz klar greif- und spürbar. Gerade in den ersten Wochen der ungewohnten Situation war mir das unendlich wertvoll. Im Gegensatz zu einigen Kolleg*innen, die völlig ihrer Lebensgrundlage beraubt schienen, konnte ich weiterhin auf meine, mir ganz eigene Art, sinnstiftend arbeiten. Das hat mir enorm viel Kraft gegeben.

Alle wollen jetzt Online-Unterricht – sofort

Nach Ostern startete nach einem kostenlosen Online-Schnupperwochenende die zweite Kursrunde von „Stimme ist mehr…“ mit diesmal 18 festen Teilnehmer*innen.

In dieser Situation war das ein Geschenk des Himmels. Auf diese Weise konnte ich mir ein bisschen (auch finanzielle) Luft verschaffen und mich in aller Ruhe an die Gegebenheiten gewöhnen. Meinen Einzelunterricht von jetzt auf gleich auch auf ZOOM oder Skype umzustellen, kam für mich nicht infrage. Ich fühlte mich damit nicht wohl und brauchte Zeit und Raum, auch dafür Wege zu finden, die Begegnung mit den Schülern lebendig und eben auf meine Weise zu gestalten. Alles machen wie vorher, nur eben in zwei getrennten Räumen und über den Bildschirm verbunden, schien mir nicht der richtige Weg und teilweise unmöglich (z.B. körperlicher Kontakt) zu sein. Erst ganz langsam tastete ich mich nach einigen Probestunden an den ZOOM-Unterricht heran und ich muss zugeben, ich war erstmal ziemlich frustriert.

Drei Räume

Klar, es braucht auch eine gewisse Eingewöhnungszeit. Sich mit den technischen Möglichkeiten vertraut machen, herausfinden was geht und was nicht usw. Aber im Grunde war es ein Gedanke meiner Lehrerin Renate Schulze-Schindler, der dazu geführt hat, dass sich meine Einstellung zum digitalen Einzelunterricht auch verändern konnte. In einem Gruppentreffen mit meinen natural voice – teacher Kolleg*innen und Renate (verrückt eigentlich, niemals jemals hätte man sie für so eine Aktion noch vor einem Jahr begeistern können) sagte sie die entscheidenen Sätze:

Wir bewegen uns hier im Grunde in und zwischen drei Räumen. Jeder befindet sich in dem Raum, in dem er gerade ist. Das Wohnzimmer, die Küche, das Arbeitszimmer. Aber jeder ist auch in seinem eigenen Innenraum anwesend. Der Körper, die Gedanken, die Gefühle. Und es gibt einen dritten Raum. Der Raum, der uns alle hier verbindet. Sichtbar auf dem Bildschirm, aber viel wichtiger spürbar für jeden von uns.“

Neue Perspektiven

Diese Sichtweise hat mein digitales Unterrichten komplett verändert. Sich diese drei Räume immer wieder bewusst zu machen und ein geschmeidiges Hin und Her zwischen Innen und Außen zu ermöglichen, hat mich sehr beglückt und mich Frieden finden lassen mit der aktuellen Situation. Bereits seit Ende April darf ich meine Privatschüler wieder „in echt“ unterrichten, aber meine Studierenden habe ich in diesem Semester kein einziges Mal wirklich getroffen. Einige meiner Privatschüler waren teilweise nicht vor Ort und haben mich gebeten Zoom-Stunden zu ermöglichen. Und ja, die Online-Stunden kosten mich etwas mehr Kraft. Ich brauche mehr Pausen zwischendurch. Aber beide Medien können mittlerweile gut nebeneinander stehen. Und ergänzen sich in positiver Weise.

Studieren digital

Überhaupt komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass die unterschiedlichen Unterrichtsformen sich wunderbar bereichern. So habe ich z.B. Anfang des Semesters meine Studierenden zur (natürlich kostenlosen) Teilnahme an meinem Onlinekurs verpflichtet. Eine interne wöchentliche Videokonferenz hat dafür gesorgt, dass der Kontakt als Gruppe lebendig geblieben ist und die Inhalte des Onlinekurses haben den Einzelunterricht vertieft und ergänzt. Auf meine Frage hin, wie die Studierenden den Kurs erlebt haben und ob sie es für sinnvoll halten, den kommenden Studierendengenerationen auch Zugang zu den Inhalten des Kurses zu geben, kam ein eindeutiges JA! UNBEDINGT!

Mehrwert

„Am besten direkt im ersten Semester. Sonst denkt man hinterher immer: Mann, hätte ich das mal vorher gewusst!“ Die unterschiedlichen Aufgaben und Themen des Kurses konnten den Studierenden Input geben, der sonst im normalen Einzelunterricht keinen Platz gehabt hätte.

Die eigene innere Einstellung beim Üben, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, die Schulung der Körperwahrnehmung, allgemeine Hintergründe zum Thema Lernen – diese Inhalte und auch die Tatsache, dass man die Aufgaben machen konnte, wann man wollte und sich dann in der Videokonferenz darüber austauscht, haben definitv einen Mehrwert für das Singen und das sängerische Selbstbewusstsein der jungen Leute gestiftet. Für jeden der sieben Studis war etwas anderes besonders wertvoll, aber alle waren sich einig. Das war eine tolle Möglichkeit!

Neue Möglichkeiten

Wie wunderbar! So eine tolle Rückmeldung. Das ermutigt mich ungemein, weiterhin nach neuen Wegen zu suchen und mutig Dinge auszuprobieren. Wie wohltuend zu wissen, dass die wesentlichen Faktoren meiner Arbeit sich nicht nur im direkten Kontakt, sondern auch auf ganz anderen Wegen zeigen. Klar, eine lebendige Improvisation oder ein klangstarker Chorsatz in der Gruppe lassen sich durch nichts ersetzen. Die Intensität eines Gespräches zwischen Menschen aus ganz Europa, die sich in aller Ruhe alle mit dem gleichen Thema auseinandergesetzt haben und sich anschließend in der sicheren Umgebung ihres jeweiligen eigenen Zuhauses darüber austauschen, aber auch nicht.

Wir können und sollten dringend die Möglichkeiten sehen und nicht die Grenzen. Dann kann Überraschendes und Bereicherndes geschehen. Ganz egal auf welchem Themengebiet.

Allzeit gute Sicht durch die Möglichkeiten-Brille wünscht

Anna Stijohann

P.S. Am 4.9.2020 startet mein Onlinekurs „Stimme ist mehr…“ wieder mit einer neuen Gruppe. Bis zum 29.08. ist die Anmeldung für diesen 12-wöchigen Kurs noch möglich.
Gelegenheit zum unverbindlichen Reinschnuppern bietet sich im Rahmen der STIMMSINN-SommerSummse vom 20.-23.08.2020. Dafür könnt ihr euch ab sofort kostenlos anmelden.

Stimmbildung und Embodiment

Meine große Leidenschaft ist die Körperarbeit. Dass Körper und Stimme zusammengehören, ist den meisten Menschen bekannt, aber wie und in welchem Maße dies geschieht – das sieht und erlebt jeder ganz anders.

Beziehung zwischen Stimme und Körper

Singen ist eine körperliche Angelegenheit. Für den einen, weil die Stimmgebung durch eine Kooperation von Atem und Stimmmuskulatur geschieht. Für den nächsten, weil der Körper die Stimme unterstützt und für den Dritten, weil der Körper als Resonanzkörper für die, durch die Stimmuskulatur erzeugten, Töne dient. Ich gehe noch weiter. Stimme und Körper sind nicht zu trennen. Und damit meine ich nicht nur den Teil des Körpers, der oberhalb des Bauchnabels liegt, sondern den ganzen Körper. Den ganzen Körper mit all seinen Knochen, Muskeln, Faszien, Organen, Flüssigkeiten, Räumen, Häuten und Zellen. Der gesamte Körper ist das Instrument.

Den Körper bewohnen

In meiner Welt ist der Körper nicht nur das Werkzeug, das uns das Singen ermöglicht. Den wir benutzen „um zu“ singen, der uns unterstützt, der das Singen ergänzt. In meiner Singwelt geht es darum, die Stimme wirklich zu „verkörpern“, den eigenen Körper zu bewohnen und sich dort zuhause zu fühlen. Der englische Begriff Embodiment (ungefähr zu übersetzen mit „Verkörperung“) ist in den vergangenen Jahren ganz langsam immer mehr in den Fokus der Öffenlichkeit gerückt. Aber was bedeutet das eigentlich? Und was sind die Auswirkungen dessen auf unser Singen und unsere Tätigkeit als Gesangspädagogen?

Was ist Embodiment?

Embodiment ist das erlebte Wissen darum, dass Körper, Geist und Psyche nicht voneinander getrennt existieren. Sie stehen in gegenseitiger Wechselwirkung und in der Arbeit mit der Stimme berühren und durchdringen sie sich permanent. Diese Wechselwirkungen zu spüren, sie immer tiefer zu erforschen und sich ihrer mehr und mehr bewusst zu werden, ist ein ganz wichtiger Aspekt meiner Arbeit. Stimme ist ein Phänomen, das ohne Embodiment gar nicht zustande käme.

Stimme zwischen Körper und Kontakt

Phonation ist ein körperlicher Vorgang. Muskulatur und Gewebe unserer Stimmlippen werden durch die Atemluft zum Schwingen gebracht. Die dadurch entstehenden Vibrationen werden durch unsern Resonanz-Körper verstärkt und gelangen schließlich als Klang an das Ohr unseres Gegenübers. Und damit kommt schon der zweite Aspekt der Stimmgebung ins Spiel: Stimme ist Kommunikations- und Kontaktmittel. Diese Funktion der Stimme ist nicht von der muskulären Aktion zu trennen. Wir singen, sprechen und lachen um mit unserer Umwelt in Kontakt zu kommen, Informationen auszutauschen und uns zu verbinden.

Stimme als Ausdruck unserer Gefühle

Stimme ist Ausdruck unserer Geisteshaltung und die einmalige Möglichkeit unsere Gedanken und Gefühle mit der Welt zu teilen. Unser emotionales Innenleben wiederum hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Stimme. Etwas verschlägt uns die Sprache, die Stimme versagt, weil ein Gefühl uns übermannt oder wir juchzen, johlen und jubeln, weil uns etwas über die Maßen freut. Ebenso beinflusst jedes Gefühl unsere Körperhaltung und die Funktionen unseres ganzen Körpersystems. Das autonome Nervensystem reagiert völlig selbstständig und ohne unser Zutun auf alles, was wir erleben. Es steuert nicht nur das Maß an Reaktionsbereitschaft unserer gesamten Muskulatur, sondern auch unser Bedürfnis zu kommunizieren. Stimme ist gelebtes Embodiment.

Was ist Stimmbildung?

Wie wirken sich diese Erkenntnisse nun auf meine Arbeit als Gesangspädagogin aus? Am deutlichsten wird es mir, wenn ich Kolleg*innen begegne, die sich im weiten Feld der „Stimmbildung“ tummeln. Auch ich würde mich hier verorten, denn meine Hauptaufgabe ist es in der Regel, den Menschen (wieder) einen Zugang zu ihren vielfältigen stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen und ihnen zu helfen, ihr Instrument besser kennen zu lernen. Und doch stehe ich manchmal völlig verwirrt da, wenn Kollegen und Kolleginnen von ihrer stimmbildernerischen Arbeit berichten oder bei Kongressen darüber gefachsimpelt wird. Stimmbildung ist in den allermeisten Fällen die Beschäftigung mit der Funktion der Stimme, das Kennen- und Beherrschenlernen der beteiligten Muskeln und Räume, sowie das Erforschen und die Optimierung des Schwingungsverhaltens (vgl. Anna wird syng:TRAINER).

Ja, aber wenn das Stimmbildung ist, was mache ich denn dann eigentlich?

Mühelosigkeit stärkt das Selbstvertrauen

Wie schon oben erwähnt, ist es mir ein Anliegen, dass wir unsere Stimme wirklich verkörpern. Die Fähigkeiten zu erwerben, die wir auf dem Weg dahin brauchen, ist meine Art der Stimmbildung. Natürlich gehört die Arbeit mit der Stimme an sich dazu, aber sie macht doch nur einen kleinen Teil der Arbeit aus. Dass Stimme mühelos passiert, mit der Zeit immer mehr Klangfarbenvielfalt entsteht und wir in der Lage sind, die technischen Herausforderungen musikalischer Literatur zu meistern, ist ohne Zweifel wichtig. Eine bewegliche, frei schwingende Stimme lässt unser sängerisches Selbstbewusstsein wachsen und gibt uns Sicherheit.

Nicht nur Können sondern Sein

Und doch wünsche ich mir, dass wir das Singen nicht nur beherrschen, nicht nur können, sondern, dass wir mit unserm ganzen Sein involviert sind. Dazu gehört, dass wir nicht nur Dinge erfüllen können, sondern im Singen wirklichen Genuss und Freude erleben. Dass wir in der Lage sind, uns durch das Singen ehrlich und authentisch auszudrücken. Das was innen ist, möchten wir im Außen zum Klingen zu bringen. Diese Verbindung von innen und außen, die uns als Kind selbstverständlich war, gilt es wieder zu entdecken. Das ist für mich ein zweiter wichtiger Teil von Stimmbildung.

Kinder sind

Bevor wir wussten, was beim Singen und Tönen richtig oder falsch war, lief unsere Stimme von alleine mühelos. Ich staune immer wieder, wie meine Kinder innerhalb von 10 Sekunden rauhe, dunkle Klänge, durchdringendes Schreien und hellste Glocktöne bis in die vierte Oktave, abwechseln können. Die Muskeln wissen was zu tun ist, sind frei von Über- oder Unterspannung und das unmittelbare Erleben des kindlichen Ausdrucks ist für jeden ersichtlich vom Scheitel bis zur Sohle spürbar. Mit dem Erwachsenwerden und der Entdeckung des zivilisierten Verhaltens, verschwindet diese unmittelbare Verbindung zu unserer Stimme. Ist es nicht sinnvoll, diese wieder zu beleben? Wenn wir an unser Ausdrucks- und Kommunikationsbedürfnis anknüpfen, erledigen sich die allermeisten stimmlichen Probleme und Herausforderungen von selbst.
Ist das nicht Stimmbildung?

Embodiment braucht Körperarbeit

Als wichtigste Säule meiner Art der Stimmbildung zeigt sich die Körperarbeit. Unser Körper hat alles erlebt, was wir erlebt haben. Dort sind alle Emotionen gespeichert. Unser Körper ist wie er ist, weil wir erlebt haben, was wir erlebt haben. Die Verknüpfungen unseres Gehirns und die feinen und groben Strukturen unseres Körpers gehen direkt miteinander einher. Wenn man uns als Kind gesagt hat, wir sollten nicht so laut sein, weiß unser Körper darum und wird es weitestgehend vermeiden, sich durch laute oder hohe Töne, bemerkbar zu machen. Die rein kognitive und evtl. noch emotionale Betrachtung dieser inneren Prägung kann helfen ein wenig Klarheit zu schaffen, aber wenn wir nicht lernen eine neue Verkörperung für die neue innere Einstellung „ich darf meine Stimme erheben“ zu finden, wird sich immer wieder ein Widerspruch zwischen unserem Körpergefühl und unserer Absicht etwas zu tun auftun und uns am freien und stimmigen Singen hindern.

Wahrnehmen lernen

Deswegen ist für mich der wichtigste Aspekt der Körperarbeit die Wahrnehmungsschulung. Wenn wir nicht nur unsere inneren Muster, sondern auch unsere Körpermuster besser kennen, öffnet sich die Tür zu echter Veränderung. Allein durch unsere achtsame Hinwendung kann der Körper auf Selbstregulationsmechanismen zurückgreifen und nach und nach bessere Entscheidungen treffen, welche Körpermuster wir noch brauchen und welche nicht. Löst sich ein Körpermuster auf – z.B. weil wir unserm autonomen Nervensystem erlauben, alte, nicht gründlich durchfühlte Emotionen endlich zu verarbeiten – entstehen neue neuronale Vernetzungen, die es uns ermöglichen automatisierte Reaktionen hinter uns zu lassen und spontan genau so zu reagieren, wie es der Situation angemessen ist.

Innere Beweglichkeit

Um unsern Körper in einen Zustand zu bringen, wo genau dies möglich ist, brauchen wir zuallererst innere Beweglichkeit. BENITA CANTIENI beschreibt diesen inneren Zustand folgendermaßen: „Die anatomisch sinnvolle Haltung mit der höchsten Freiheit für Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehen, Bänder, Nerven kann bewusst hergestellt werden. (…) Sie ist die Grundhaltung für alle Emotionen, sie ermöglicht es, alle (…) Stimmungen, Gefühlslagen intensiv und bewusst zu erleben, spontan zuhandeln, und anschließend wieder zurückzufinden in die neutrale Grundhaltung. (…) Ein solcherart aufgerichteter Mensch hat immer Ausstrahlung, Charisma: Es ist ihm eine sinnliche Freude, den eigenen Körper zu bewohnen“ (aus: „Embodiment“ von STORCH, TSCHACHER, CANTIENI, HÜTHER, S.115)

Improvisatorische Grundhaltung

Lernen wir diesen Zustand der Spontaneität immer besser kennen, können wir uns auch für Neues öffnen. Je öfter wir uns in diesen flexibeln Raum begeben, desto sicherer werden wir uns auch in unbekannten Situationen fühlen. Wir werden mutiger darin, uns mit Dingen zu beschäftigen, die uns bis dato fremd waren, weil wir lernen uns in der Unsicherheit sicherer zu bewegen. Das eröffnet uns ganz neue Türen zu Wachstum und Lernen. Dieser innere Zustand ermöglicht es uns Dinge zu erleben und zu erreichen, die nicht vorhersehbar sind. Diese „improvisatorische Grundhaltung“ ist für mich die unmittelbare Voraussetzung für die Stimmentwicklung und natürlich für das Singen und Musizieren im Allgemeinen.

Warum nun Embodiment konkret?

Ganz konkret und greifbar, hat die Idee des Embodiment Auswirkungen auf alles was wir tun. Wenn wir uns unserer Körperlichkeit intensiver bewusst sind, steigert das unser Gefühl von Lebendigkeit. Die ganzkörperliche Wahrnehmung führt zu einer besseren inneren Vernetzung. Klareres Erleben unserer eigenen körperlichen Präsenz ermöglicht uns eine andere Kontaktfähigkeit. Wir können tiefer mitfühlen und miterleben – sowohl mit anderen Menschen, als auch mit uns selbst. Unsere Gefühlswelt wird mehr und mehr zu einer Ganzkörperangelegenheit. Wir können intensivere Emotionen aushalten (sowohl positive als auch negative), weil der ganze Körper als „Gefäß“ dient. Das schafft Tiefe in allem was wir tun. Unser Ausdruck beschränkt sich nicht mehr nur auf Äußerlichkeiten wie Mimik und Gestik, und wird auf diese Weise immer persönlicher. Authentisches Auftreten ist ohne Embodiment nicht denkbar.

Körperkunde ist Instrumentenkunde

Beim Singen sage ich oft: Körperarbeit ist Instrumentenkunde. Unseren Körper besser zu verstehen und intensiver wahrzunehmen, bedeutet auch, unsere Stimme besser zu verstehen und anders darauf zugreifen zu lernen. Der Klang der Stimme, also das Mitschwingen des ganzen Instruments, findet nicht nur in den viel beschriebenen Resonanzräumen statt, sondern im ganzen (!) Körper. Stimmschwingung findet auch im Gewebe statt – in den feinsten Verästelungen unseres Muskel- und Fasziensystems. Diese Sichtweise mag für manche Menschen seltsam und neu sein, aber wenn wir den Zustand unseres Körpers mit dem Material und der Konsistenz eines Instruments vergleichen, leuchtet das mehr als ein. Niemand würde bezweifeln, dass der Klang einer Gitarre nicht nur von der Form des Resonanzkörpers, sondern auch von der Beschaffenheit des verwendeten Holzes und darüber hinaus von der Raumtemperatur und der Luftfeuchtigkeit abhängt.

Embodiment erleben

Unser Menschsein, die Tatsache, dass alles mit allem zusammenhängt, dass unser Geist, unsere Gefühle und unser Körper nicht nur verbunden sind, sondern sich ununterbrochen wechselseitig beeinflussen, beeinflusst die Beschaffenheit unseres Instruments Stimme. In jedem Moment, jeden Tag.

Für alle, die sich am liebsten konkret körperlich damit beschäftigen möchten, kann ich nur auf meine absolute Lieblingsübung den Taucheranzug ( und weitere Varianten davon) verweisen. Beim Arbeiten mit dieser äußeren Faszienhülle bekommt jeder – egal ob Profi oder Anfänger – einen ersten kleinen Eindruck davon, was es bedeutet, den ganzen Körper als Gefäß für den Klang zu erleben.

Wachsen ist eine Herausforderung

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass es für mich keine Stimmentwicklung ohne Persönlichkeitsentwicklung geben kann. Keine äußere Singhaltung ohne innere Singhaltung. Keinen stimmigen Klang ohne ein stimmiges Körpererleben.
Dieser Lernweg ist sicher nicht der schnellste und bequemste. Der Eine kommt schnell voran, der andere langsamer. Diese Reise erfordert viel Mut und Entschlossenheit und ganz sicher kann es nicht schaden, sich eine erfahrene Reiseleitung und gleichgesinnte Weggefährten zu suchen.

Ein lohnenswerter Weg

Aber es lohnt sich, denn wir können auf so vielen Ebenen profitieren. Sich mit seiner Stimme zu beschäftigen bedeutet auch, sich immer klarer darüber zu werden, was es eigentlich heißt, in dieser Welt seine Stimme zu erheben. Wenn wir auf bekannten Pfaden bleiben, wird sich keine Veränderung einstellen. Unser volles Potential – ganz gleich ob stimmlich oder einfach als unverwechselbares menschliches Wesen – werden wir nur entfalten, wenn wir uns in unserer ganzen Vielschichtigkeit wahrnehmen lernen. Wachsen ist nur möglich, wenn wir bereit sind für Veränderung. Stimmbildung ist Embodiment.

Reisefieber und Abenteuerlust auf dem Weg zur ganz eigenen Stimme wünscht

Anna Stijohann