Singen ist Singen

Noch immer gibt es viele Missverständnisse zwischen klassischen Sängern und Gesangspädagogen und Kollegen aus dem Bereich Pop, Jazz oder Musical. Die einen sängen „mit dem Körper“ die anderen nur „aus dem Hals“, bei den einen könne man „sowieso nie den Text verstehen“ oder „wer einmal klassischen Unterricht gehabt habe, könne nie wieder glaubhaft einen Popsong singen“.
In einem Austauschtreffen mit meinen Lehrauftragskollegen der Universität Koblenz hat dazu ein Kollege den Nagel auf den Kopf getroffen: „Singen ist zuallererst einmal Singen. Und wir müssen lernen zu unterscheiden, was ist Technik und was ist Stilistik.“
In diesem Sinne möchte ich mich in diesem Artikel als Mittler und Dolmetscher versuchen um einige Vorurteile und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

Technik und Stilistik

Wie der oben schon zitierte Kollege angemerkt hat, gibt es einen klaren Unterschied zwischen Gesangstechnik oder, wie ich es lieber nenne, „Handwerk“ und Stilistik. Ob ein Ton frei klingt oder unnötige Hilfsspannungen vorhanden sind, sollte jeder Kollege – egal ob Klassiker oder aus dem Popbereich – hören können. Ist der Ton klar und ist die Stimme gut an den Körper angebunden? Können die benötigten Resonanzräume angesteuert werden? Gibt es ein Bewusstsein über die klangliche Struktur der eigenen Stimme? Hat die Stimme klangliche und dynamische Variationsmöglichkeiten? All diese Fragen lassen sich völlig unabhängig von einer bestimmten Stilistik beantworten. Und es lohnt sich, auch im eigenen Unterricht immer mal wieder für sich selbst zu hinterfragen und auch für die Schüler transparent zu machen, auf welcher „Baustelle“ man gerade unterwegs ist.

Natürlich klingen

Ich arbeite mit Schülern aller Genres. Da ich Jazz-Popgesang studiert habe und auch selber hauptsächlich in diesem Bereich tätig bin, liegt hier natürlich mein Schwerpunkt. Dennoch bin ich davon überzeugt, auch jeden Schüler, der mit mir an einer Arie oder einem Kunstlied arbeiten möchte, unterstützen zu können. Oft sage ich direkt im ersten Gespräch, dass ich stilistisch im Bereich Klassik zwar nicht weiterhelfen kann, weil ich wenig über Verzierungen, stiltypische Klang- oder Phrasierungsvariationen weiß und somit musikalisch nur rudimentär helfen kann. Aber natürlich bringe ich all meine Erfahrung und mein Wissen ein, wenn es ums Singen an sich geht. Wenn der Schüler dann einen natürlichen, mühelosen Zugang zu seiner Stimme gefunden hat, lassen sich stilistische Feinheiten z.B. mithilfe eines anderen Lehrers leicht umsetzen. Ist die Stimme beweglich und kennt der Schüler sein Instrument gut, hat er alle Möglichkeiten. Seine Hörgewohnheiten und die persönlichen Emotionen, die er mit bestimmter Musik verbindet, werden ihm und seiner Stimme den Weg weisen, damit er die verschiedensten Spielarten des Singens authentisch bedienen kann.

Stimmbildung „neutral“

Stimmbildung ist für alle Gesangsstilistiken wichtig. Die Zeiten in denen man davon ausging, dass Stimmbildungsunterricht einer Karriere als Popsänger eher schaden als nützen würde, sind zum Glück vorbei. Doch ich möchte betonen, dass es sich um „natürliche“ Stimmbildung handeln muss. Diese ist für mich vor allem funktional orientiert. Das bedeutet, dass die Stimme zu allererst zu ihrer Mühelosigkeit findet. In diesem Prozess ist es eher hinderlich, wenn es von Anfang an darum geht, einen bestimmten Klang zu finden oder gar zu „produzieren“. Das Kennenlernen der Stimme und ihrer Zusammenhänge mit dem Körper und überhaupt dem ganzen Menschen übers Experimentieren und Erleben eignet sich hier am Besten. Ich verwende vor allem Übungen, die bestimmte Aspekte verstärken und so begreifbar machen. (vgl. z.B. Tun und Lösen oder Geschüttelt nicht gerührt). Körperbewegungen während des Singens (vgl. Bewegung als Schalter) lassen den Schüler Zusammenhänge selber spüren. Resonanzräume werden über spielerische Klänge oder aktives Lauschen (vgl. Ohren auf!) aktiviert und so ins Bewusstsein geholt. Auf diese Weise lernt der Schüler vor allem über sein Körpergedächtnis, welches zum Glück kaum klanglich-stilistisch vorgeprägt ist und viel direkter und effektiver lernt als unser Verstand .

Körperliches Singen

Früher dachte ich selber, dass „körperliches“ Singen und ein klassischer Stimmklang direkt miteinander einhergehen. Oh, wie habe ich geflucht, wenn eine meiner Lehrerinnen mich versucht hat in die höchsten Höhen zu locken um Resonanzräume zu öffnen, von denen ich kaum ahnte (vgl. Jubilieren gegen Höhenangst). „Ich brauche das nicht! In solchen Höhen singe ich niemals. Was soll ich da? Ich will nicht „schallern“!“ Heute weiß ich, dass das Kennenlernen des gesamten Körpers als Resonanzkörper von großer Wichtigkeit ist. Je intensiver ein Körper schwingt, desto leichter fällt das Singen und desto individueller kann sich das Timbre entfalten. Je weniger Resonanzräume ich benutze, desto mühsamer ist das Singen und desto weniger klangliche Möglichkeiten habe ich zur Auswahl. Singen mit dem ganzen Körper ist also keineswegs der klassischen Schule vorbehalten. Körperliches Singen klingt – z.B. mit einer sprachnahen Färbung der Vokale – kraftvoll und ist durchaus pop-, jazz- oder musicaltauglich.

Ein Klang oder Vielfalt?

Eine klassische ausgebildete Kollegin, die einige Stunden bei mir nahm, fragte mich einmal, als sie – meiner Ansicht nach völlig mühelos – eine schwierige hohe Passage gemeistert hatte: „Aber ging der Klang durch? War der Klang die ganze Zeit derselbe?“ Ich fand diese Frage einerseits befremdlich und andererseits wurde mir dadurch auch einer der wichtigsten Unterschiede des klassischen und populären Gesangs deutlich. Die Einen sind stets auf der Suche nach dem einen, perfekt ausbalancierten Klang, der sich durch alle Lagen hindurch einheitlich und verbunden zeigt. Die Anderen suchen die klangliche Vielfalt. Je mehr unterschiedliche Klangfarben ich als Popsänger zur Verfügung habe, desto mehr Gestaltungsmöglichkeiten habe ich. Extreme Sounds wie rufen oder säuseln, kratziges oder gewollt-halsiges Singen und überhaupt die volle dynamische Spannbreite menschlicher Klangmöglichkeiten (ich hör da oft meinem dreijährigen Sohn zu und bin immer wieder beeindruckt) sind ebenso willkommener Teil der künstlerischen Gestaltung, wie klare, warme ausbalancierte Töne, die das ganz eigene Timbre des Sängers durchscheinen lassen.

Die Phrasierung macht’s

„Ich würde gern Jazz singen, aber meine Stimme klingt wohl eher klassisch.“ Das ist einer der Sätze, die ich schon oft von Schülern zu hören bekommen habe. Hier bin ich völlig anderer Meinung. Die Brücke zwischen verschiedenen Genres kann gelingen und in den allerwenigsten Fällen liegt es, falls der Übergang schwer fällt, am eigentlichen Stimmklang. Ein purer, neutraler, gut ausbalancierter Stimmklang lässt sich durch die geschickte Anwendung stiltypischer Phrasierung sehr breit nutzen. Wie gehe ich mit Sprache um? Nutze ich klare oder umgangsprachliche Vokale? Singe ich einen Ton gerade an, oder schleife ich ihn ein wenig von unten an? Orientiere ich mich an den Vokalen und ihrer klanglichen Verbindung untereinander oder nehme ich ganz bewusst die Konsonanten als rhythmisch, percussive Elemente der Musik wahr? Fragen wie diese und der neugierige und höchst aufmerksame Umgang mit stimmlichen Feinheiten dieser Art können dafür sorgen, dass ich, egal in welcher Stilistik ich mich gerade bewege, mich stets mit meiner Stimme identifizieren kann und mein Singen für mich selbst genau das bleibt, was es ist. Singen.

Ich wünsche allen neugierigen Sängern und Kollegen viel Mut beim Ausprobieren und Hinaussingen über den eigenen Tellerrand!

Anna Stijohann

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