Was soll der Geiz?

Nein, in diesem Artikel soll es nicht um die den Niedergang der Kulturlandschaft oder die durchaus nicht immer üppige Bezahlung von uns Künstlern und Musikern gehen. Darüber sollen andere schreiben. Dennoch ist mir in den letzten Wochen immer wieder in verschiedensten Zusammenhängen das Thema „Geiz“ begegnet. Deswegen soll dieser Blogbeitrag ein Plädoyer für die Großzügigkeit sein. Großzügigkeit mit uns und unserer Stimme, Großzügigkeit mit Kollegen und Schülern und Großzügigkeit im musikalischen Gestalten und Erleben. Ich liebe das Gefühl, beim Singen und im Leben wirklich „aus dem Vollen zu schöpfen“. Klänge, Sensationen, Reibungen, Musik oder Bewegungen intensivst auszukosten und sich dadurch lebendig und erfüllt zu fühlen. Wie wunderbar, wenn man es schafft, dieses Gefühl an andere Menschen weiterzugeben und es zu teilen.

Dankbarkeit und Anerkennung
In den Ferien hatte ich mich mit einer Kollegin getroffen um uns über unser Unterrichten und auch das eigene Singen auszutauschen. Die Zeit verging wie im Fluge und allerhand Übungen und Tipps wurden ausprobiert. Nach etwa zwei Wochen klingelte plötzlich mein Telefon. Eben jene Kollegin rief mich an um sich nochmal bei mir zu bedanken. Meine Tipps und die kleinen Übungen, die ich mit ihr gemacht hatte, hatten sich für sie als so wertvoll herausgestellt, dass sie sich überschwänglich und äußerst freudig bei mir bedankte. Wie großartig es sich anfühlte, dass ihr Dank und ihre Begeisterung direkt zu mir zurückkamen! Auch ich erzählte ihr von meinen Erlebnissen mit ihren Ideen, vor allem im Chor, und dankte ihr für den wundervollen Austausch. Nachdem wir aufgelegt hatten war ich noch eine ganze Weile sehr erfüllt und beglückt von dieser gegenseitigen Welle an Dankbarkeit und mir drängte sich die Frage auf, warum wir häufig so geizen mit gegenseitiger Anerkennung und Dank.

Warum sollte ich?
Gerade im Kontakt mit Kollegen habe ich es schon öfter erlebt, dass man sich kritisch beäugt und manche Begegnung nach außen zwar freundlich, aber doch von Konkurrenz geprägt ist. Geht es um Austausch ist mancher Kollege und manche Kollegin entweder zurückhaltend, weil er seine „besten Tricks“ nicht preisgeben möchte, oder zieht „dermaßen vom Leder“, dass am Ende des Gesprächs nicht der Informationsaustausch und die gegenseitige Hilfe, sondern vor allem das aufgeblasene Ego des Kollegen im Mittelpunkt steht.

Natürlich nehme ich mich selbst da nicht aus, doch ich versuche mich stets zu erinnern, dass kollegialer Austausch einen unfassbar großen Pool an Wissen und neuen Inspirationen mit sich bringt. Sich gegenseitig zu unterstützen und bereitwillig und großzügig Ideen miteinander zu teilen ist in jedem Fall gut für alle.

Mein lockeres Treffen mit der oben genannten Kollegin hat eine riesige Welle an neuer Bewegung mit sich gebracht. Wenn wir, egal in welchem Zusammenhang, miteinander und mit uns selbst geizig sind, kann solch eine Welle nicht entstehen. Alles bleibt an seinem Platz, Neues kann nicht entstehen.

Wir leben in einer geizigen Gesellschaft
Erst kürzlich erschien in der Kundenzeitschrift eines Drogeriemarktes ein Artikel mit dem Titel „Der Geiz des Herzens“. Auch die Autorin MIRNA FUNK sagt: „Wir leben in einer geizigen Gesellschaft.“ Wir sind geizig mit anderen, aber vor allem auch mit uns selbst. Wir geizen mit Intensität. Wir bewegen uns an der Oberfläche und sind viel zu selten bereit, das was darunter liegt, zu teilen, ja sogar uns selbst zu erlauben. Dabei ist doch gerade die Intensität unserer Gefühle, zwischenmenschlichen Kontakts, guter Musik oder durchtanzter Nächte das, was das Leben lebenswert macht. Geiz hinterlässt in uns stets das Gefühl eines Mangels. Gestatten wir uns dagegen Großzügigkeit, empfinden wir Wohlstand und inneren Reichtum.

Aber warum fällt es uns trotzdem so schwer, wirklich aus dem Vollen zu schöpfen. Die Dinge, das Leben, das Singen, das Miteinander auszukosten und zu schmecken, bis wir sie ganz und gar durchdringen und wir selber vollkommen durchdrungen sind?

Mir scheinen vor allem zwei Gründe plausibel.

Wir wollen Rendite
Wir haben verlernt, Dinge einfach zu tun, weil wir sie tun wollen. Wenn Kinder ein Spiel spielen, spielen sie vor allem, weil sie Freude am Spiel an sich haben. Sie gehen voll auf in dem was sie tun. Kein Kind macht sich darüber Gedanken, welchen Lernerfolg es bei der Beschäftigung mit einem bestimmten Spielzeug wohl erzielt. Kinder erleben. Sie er-leben sich ihre Welt und lernen und erfahren dabei unendlich viel über die Zusammenhänge und sich selbst.

Wir Erwachsene tun die allermeisten Dinge – auch beim Singen und Singen-lernen – ergebnisorientiert. Wir tun etwas, um am Ende etwas zu haben, zu können, zu wissen oder zu erreichen. Die Philosophin NATALIE KNAPP nennt das „Rendite-Denken“. Wir denken immer über das nach, was uns am Ende unter dem Strich übrig bleibt. Kein Wunder, dass wir geizig werden. Wir sparen für schlechte Zeiten und wollen uns alle Optionen offen halten. Doch im Leben, wie im Singen oder Musizieren, gelten andere Gesetze als an den Finanzmärkten. Es lohnt sich, großzügig zu sein. Wer aus dem Vollen schöpft, gewinnt an Lebensfreude und -qualität.

Wir haben Angst
Der zweite Grund, warum wir so geizig sind, ist Angst. Wir haben Angst uns zu zeigen und Angst unsere eigene und andererleuts Intensität auszuhalten. Stattdessen ist uns alles peinlich. Ausufernd tanzen ist peinlich, schief singen ist peinlich, laut singen ist peinlich, lachen oder weinen auf offener Straße ist peinlich. Wir sind Könige des Fremdschämens und vermeiden es tunlichst, im Alltag die Aufmerksamkeit unserer Mitmenschen auf uns zu ziehen. Wir beschneiden uns in unserer eigenen Freiheit und bezahlen diesen Geiz mit dem Verlust an Lebensfreude und Intensität. Wir sind geizig mit Anerkennung, Komplimenten und Toleranz anderen Gegenüber und bringen uns damit um die Möglichkeit echter zwischenmenschlicher Beziehung oder zumindest Kontaktaufnahme.

Natürlich ist es nicht immer leicht über seinen eigenen Schatten zu springen und den Geiz durch Wohlwollen zu ersetzen. Aber eine meiner Lehrerinnen sagt etwas sehr kluges: „Angst und Abenteuerlust sind zwei Seiten der gleichen Medaille.“ Wir können uns entscheiden, ob wir die Angst wählen, die uns lähmt oder die Abenteuerlust, die uns neue Erfahrung ermöglicht.

Beim Singen aus dem Vollen schöpfen
Natürlich möchte ich konkret auf Situationen eingehen, in denen mir das Thema Geiz direkt im Zusammenhang mit dem Singen begegnet ist. Eine klassische Kollegin kam mit meiner Art des Singens mit Kindern nicht zurecht. Sie wollte einen „kopfigeren“ Zugang und unterschied explizit die Singstimme von der Sprechstimme. Sicher hatte sie in einigen Punkten recht mit ihrer Kritik, aber trotzdem hatte ich in der Situation das Gefühl, dass sie geizig war. Die Kinder haben es sichtlich genossen, mit dem ganzen Körper zu singen. Meine lockere Art und die Tatsache, dass ich sehr spielerisch mit ihnen gearbeitet habe, hat sie begeistert und in ihrem ganzen Wesen angesprochen. Ihre Neugier war geweckt und gemeinsam haben wir gleichermaßen Kopfresonanzen und andere Klänge erkundet. Die Kinder mussten nichts erfüllen, nicht mit ihrer Lebendigkeit haushalten und es ging nicht darum etwas zu lernen, um es hinterher perfekt abliefern zu können, sondern einfach darum es zu tun und eine positive Erfahrung zu machen. Gerade weil es Kinder sind, finde ich es umso wichtiger, ihnen den Geiz erst gar nicht anzuerziehen, sondern sie zu ermuntern aus dem Vollen zu schöpfen und ihr reichlich vorhandenes Potential auf allen Ebenen zu entdecken.

Im Unterricht mit den Erwachsenen fällt es mir häufig auf, dass sonst genau das im fortgeschrittenen Alter zum Problem werden kann. Eigentlich sing-erfahrene Menschen fühlen sich nicht (mehr) wohl beim Singen, weil sie sich nicht mit ihrer Stimme identifizieren können. Sie suchen nach der Verbindung von Stimme und Person, nach einem authentischen Ausdrucksmittel und der Freiheit einfach so „lossingen“ zu können. Häufig sind eine von Richtig-und-Falsch geprägte Stimmerziehung und damit verbundene Hemmungen der Grund, dass sie nicht (mehr) in der Lage sind, das Singen als sinnlich, lustvolle Tätigkeit zu erleben und es im schlimmsten Falle einfach viele, viele Jahre gar nicht mehr tun. 

Auch in Chören begegnet mir manchmal der Geiz. Aus Angst vor falschen Tönen klingt manch 45köpfiger Chor wie ein Kammerensemble. Klanglich wird das Potential in jeglicher dynamischer Richtung nicht ausgeschöpft. Die emotionale Intensität der Gruppe wird durch dynamische Bezeichnungen in den Noten ersetzt und brav „abgearbeitet“. Dabei gibt es kaum großartigeres, als wenn die Intensität einer Gruppe sich wirklich aus sich selbst und der gemeinsamen Freude am Singen heraus musikalisch ausdrücken darf.

Auch auf der Bühne ist und bleibt es eine Herausforderung, großzügig aus dem Vollen zu schöpfen, sich zu zeigen, etwas zu riskieren und somit unvergessliche Momente zu ermöglichen. Egal ob „hohe Kunst“ oder „kommerzielle Partymusik“, wenn wir mit innerer Aufmerksamkeit geizen, entsteht Belanglosigkeit. Alles zu geben, voll involviert zu sein und den Zuhörern die Party ihres Lebens oder aber tiefgreifende musikalische Augenblicke zu schenken, ist weit mehr erfüllend für alle Beteiligten.

Aus dem Vollen zu schöpfen heißt nicht „sich erschöpfen“.
Ich schöpfe aus dem, was gefüllt ist. Ich gebe das, was ich zu geben habe. Ich teile, wovon ich im Überfluss habe. Es macht somit Sinn, die eigene Quelle zu kennen, die den inneren Brunnen speist. Und auch zu wissen, wann die Kraft knapp ist und ich mir eine Zeit der Regeneration gönnen darf. Denn auch das hat mit Großzügigkeit zu tun. Eigene und andere Bedürfnisse ernst zu nehmen. Sich etwas gönnen. Anderen etwas gönnen. Den Schülern ihr eigenes Tempo gönnen. Dem Chor die Zeit gönnen, einen einzigen Akkord wirklich klanglich zu „schmecken“. Sich zu erlauben, die volle Aufmerksamkeit beim Singen auf den Klang oder die körperlichen Sensationen zu legen.

Die Butter dick auf das Brot zu schmieren, die Liebesschnulze mit allen Klischees auszukosten, und gelegentlich mit vollem Genuss und offenem Herz zu scheitern.

Genussvolle Gänsehautsekunden und raketenstarke Krachmomente wünscht,

Anna Stijohann

Schreibe einen Kommentar