Stille

Nach der letzten Körperklangstunde kam eine meiner Schülerinnen, die noch eher am Anfang ihrer Stimmreise steht, zu mir und sagte, dass sie selten so intensive Stille erlebt hätte. Die Stille am Ende der Abschlussimprovisation habe sie als „viel tiefer“ erlebt als „normale“ Stille. Das klänge vielleicht seltsam, aber ihr sei richtig bewusst geworden, wie viele unterschiedliche Qualitäten von Stille es gibt.

Keine Geräusche

Wie ist es, wenn es still ist? Die meisten von uns würden Stille vor allem als die Abwesenheit von Geräuschen beschreiben. Kein Lärm, kein Singen, keine Schritte, kein Martinshorn, keine Gespräche. Und dennoch stimme ich meiner Schülerin voll und ganz zu. Stille kann so unterschiedlich sein. Verlegene Stille ist anders als einvernehmliche Stille. Stille nach einem Knall ist anders als Stille zwischen gelegentlichen sanften Geräuschen. Stille in der Stadt an einem Sonntagmorgen ist von anderer Qualität als Stille im Wald auf dem Land.

Stille außen

Ich, die ich mitten in Köln lebe und arbeite, sehne mich häufig nach äußerer Stille. So gerne ich meine Arbeit mit Menschen und Stimmen mache, so bin ich auch immer wieder froh, wenn ich zwischen den Stunden oder in der Mittagspause kurz allein und ohne Geräusche sein kann. Mein Gehirn, mein Nervensystem und mein Körper können verschnaufen und ich lerne, dieses kostbare Auftanken immer mehr wertzuschätzen. Die äußere Stille stoppt den permanenten Input und gibt mir kurze Momente des Innehaltens. So kann Raum entstehen für innere Stille, die die unbedingte Vorraussetzung für frohes, erfülltes und kreatives menschliches Sein ist.

Stille innen

Oft kommt es mir vor, als hätte ich in mir ein immer und immer dudelndes Radio. Gedanken, Eindrücke, Wort- und Gesprächsfetzen, Musik, Geräusche. Das alles tobt in meinem Kopf herum. Das ist manchmal anstrengend, aber oft auch ganz wunderbar. Ideen sprudeln, Gedanken springen, Themen kreisen, neue Verknüpfungen entstehen. Das genieße ich sehr. Und trotzdem sehne ich mich, besonders, wenn auch noch äußerer Lärm dazukommt, nach innerer Stille. Seit noch nicht gar zu langer Zeit gelingt es mir dann, mich ganz bewusst hinzusetzen und der Stille Raum zu geben. Denn eines ist sicher. Die Stille ist immer da.

Stille ist immer da

Hinter allen Geräuschen, ob innerlich oder äußerlich, befindet sich immer Stille. Ich stelle es mir manchmal vor wie eine weiße Leinwand, auf der das bunte Leben tobt, die aber trotzdem hinter allem ist. Und in fast jedem Moment ist es möglich einen klitzekleinen Blick auf das Weiß des Hintergrundes zu erhaschen. Habe ich erstmal einen kleinen Zugang zur Stille gewonnen, so kann sie sich immer mehr ausbreiten und ihre wohltuende Wirkung entfalten. Denn Stille ist nährend, wie ein innerer Reset-Knopf. Aus der bewusst erlebten Stille kann dann wieder etwas entstehen. Neue Gedanken, die vielleicht einen ganz anderen Geschmack haben, als wir es gewohnt sind. Eine neue Sicht auf die Dinge des Lebens und auch neue Klänge und Töne.

Musik kommt aus der Stille

Dass Pausen genauso zur Musik gehören, ist wohl jedem klar. Aber wie ist es mit der Stille am Anfang und am Ende eines Musikstücks? Im Alltag ertappe ich mich regelmäßig, dass ich z.B. in einer Chorprobe in ein Stück hinein“huddel“. Nee, das war nicht gut, gleich nochmal und los. Im nachhinein ärgere ich mich dann, weil ich genau weiß, dass es sinnvoll ist, sich erstmal zu sammeln – ich mich und die Chorsänger sich und wir uns miteinander. In der Stille ist die Konzentration gebündelt und gleichzeitig sind alle Möglichkeiten offen. Eine wunderbare Voraussetzung, damit Musik entstehen kann und auch, damit wirklich nachhaltiges Lernen passieren kann.

Wichtiges geschieht

Sicher ist nichts dagegen einzuwenden, auch mal mit dem Flow zu gehen und z.B. im Groove einige Dinge wieder und wieder zu wiederholen. Aber wenn in einer Chorprobe oder auch im Einzelunterricht oder in meinen Kursen Raum für Stille ist, können nochmal ganz andere Dinge passieren. Ein intensives Erlebnis – sei es im Miteinander, in der Musik, in der Verbindung Körper und Stimme oder auch Ich und meine Stimme – wird durch die nachfolgende Stille deutlich und bekommt so die Aufmerksamkeit, die ein wichtiger Moment eben verdient. Im Einzelunterricht mal etwas unkommentiert und in Stille im Raum stehen zu lassen, wenn auf Schüler- und auf Lehrerseite klar ist, dass wirklich etwas in Bewegung gekommen ist, ist eine der schwersten Übungen und hat gerade deswegen eine enorme Kraft.

Über die Stille gebügelt – leider

Leider gelingt mir das nicht immer. Zunehmend öfter zwar, aber auch das ist aus Lehrersicht, ein Lernprozess. Allzu häufig quatsche ich schon in den letzten Ton einer Übung hinein, kommentiere das Gehörte oder frage nach dem, was der Schüler erlebt hat, bevor er sein Erleben überhaupt in Ruhe abschließen konnte. Schade. Aber da bin ich sicher nicht die Einzige. Stille hat eben auch ganz viel damit zu tun, den Dingen wirklich ihren Raum zu geben. Geduld zu haben und nicht durch die Zeit zu huschen, aus Angst, man könnte vielleicht nicht alles schaffen.

Stille als eigene Qualität erkennen

Stille Momente auszuhalten ist für uns alle eine Herausforderung. Oft sprechen wir aus Verlegenheit, wo es eigentlich gar nichts zu sagen gibt. Häufig haben wir nicht das Vertrauen, die entstehende Unsicherheit zuzulassen und abzuwarten, was daraus entstehen kann. Ich versuche immer mehr, Stille als eigene Qualität zu anzuerkennen. Es geht nicht um das „Fehlen von etwas“, sondern um das, was die Stille an sich mitbringt. Stille als eine Chance zu Offenheit und Neuem. Stille als notwendige Voraussetzung für inneres Sortieren und für den Ablauf von Selbstorganisationsprozessen. Stille als Zugang zu Sammlung und Wahrnehmung im Innen und Außen. Stille als Möglichkeit der Beziehungsvertiefung. Zu sich, zum Schüler, zum Publikum, zur Musik.

Stille im Lied

Meine Studenten an der Universität Koblenz brauchen für ihre Abschlussprüfung jeweils ein unbegleitetes Volkslied. Daran mit ihnen zu arbeiten bereitet mir immer große Freude. Wenn wir ganz allein singen, ohne Begleitung, nur der Sänger, die Zuhörer und der Raum, spielt Stille eine große Rolle und kann das Gesungene völlig verändern. Ich kann mir am Ende jeder Phrase soviel Zeit lassen, wie das Lied es braucht. In diesen Pausen kann ich ganz bewusst in die Stille lauschen. Wann kommt wirklich der Impuls aus meinem Inneren weiterzusingen? Oft sind die Studenten überrascht, wie lang die Pausen sein dürfen, wieviel Genuss in der Stille steckt und wie sehr die Intensität eines Musikstückes von der bewusst erlebten Stille profitiert.

Das Nichts öffnet Türen

Davon abgesehen organisiert sich, wenn ich mir selbst so viel Zeit gebe wie es braucht, auch die Atmung mühelos und organisch. Im Laufe des Stückes kann auf diese Weise wirklich eine Dynamik entstehen. Die Musik und die Stimme können Fahrt aufnehmen oder in Wellen kommen und gehen und zwar ganz aus sich selbst heraus. So entstehen Gänsehautmomente.
Ich lege meinen Studenten außerdem meist ans Herz, das Lied und die Stille an verschiedenen Orten auszuprobieren. Im Badezimmer, in einem Parkhaus, in einer Kirche, in freier Natur. Mit allerhöchster Konzentration und großer Neugier auf das Nichts zwischen den Tönen. Weil Stille überall anders klingt und das Lied und die Stimme sich dann immer wieder von einer anderen Seite zeigen.

Manchmal braucht es ganz wenig, um wirklich ins intensive musikalische Erleben zu kommen. Manchmal sogar gar nichts.

Stille Momente im bunten Herbst wünscht

Anna Stijohann

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